Victoria im Wonderland von Karin Kaiser

Leicht besorgt blicke ich aus dem Fenster des Hotelzimmers. Für heute hatte die Wettervorhersage wolkig und regnerisch vorausgesagt, stattdessen ist der Himmel blitzeblau und die Sonne tut, was sie kann, um auch den letzten Winkel zu erhellen. Es sieht ja schön aus, aber für einen Vampir ist die Hitze der Sonne äußerst schwer verträglich. Nun, dann muss ich wohl drin bleiben und mich langweilen, bis Leons Barkeeper-Competition heute Abend anfängt. Dabei habe ich mich so darauf gefreut, endlich wieder in London gelandet zu sein, wo ich geboren bin und lange gelebt habe. Seit dem Tod meiner Großmutter war ich nicht mehr in London gewesen, und das ist schon eine ganze Weile her. Tja, und meine Spezial-Sonnencreme für Vampire mit Lichtschutzfaktor 100 liegt zu Hause und lacht sich tot über meine Vergesslichkeit.
»Du bist so nachdenklich?«, klingt eine dunkle Männerstimme an mein Ohr und ich schrecke aus meinen Gedanken. Im Fenster spiegelt sich Leons Gestalt, sein Lächeln ist ironisch-charmant, seine Augen blitzen gutgelaunt. Ich lasse mich von ihm in seine Arme ziehen und zur Belohnung drückt er einen warmen Kuss auf meinen Nacken und ich muss an mich halten, nicht zu schnurren wie eine Katze. Dieser Mann muss mich nur mit einer Fingerspitze berühren und ich habe nur noch schmutzige Gedanken. Seit ich vor einem Jahr seinen Spezialkaffee »Sangue Macchiato« gekostet habe, bin ich ihm restlos verfallen und er kann mich um den Finger wickeln und auf Kreuz legen wie er will, obwohl ich doch der Vampir bin und ihn gut beeinflussen können müsste. Aber das möchte ich nicht. Ich will einfach eine schöne Beziehung haben, wo es keinen Stärkeren und Schwächeren gibt.
Ich seufze schwer auf.
»Ich wollte ein bisschen Sightseeing machen. Das kann ich ja bei der Sonne vergessen. Und die Sonnencreme liegt zu Hause«, maule ich los.

Ein Grinsen erhellt Leons Gesicht.
»Bist du dir da sicher?«
Ich blicke sein Spiegelbild verwirrt an. Er lässt mich los und geht zu seinem Koffer, der noch auf dem Doppelbett liegt. Einen Augenblick später drückt er mir die Spezial-Sonnencreme in die Hand.
»Ist jetzt der Tag gerettet?«
Ich grinse ihn an.
»Ich glaube, ich sollte dich heiraten. Oder verwandeln. Oder den Bluttausch vollziehen.«
»Oder alles zusammen. Kommst du mit zu den Proben?«
»Ich möchte zuerst noch in die Stadt. Seit dem Tod meiner Großmutter war ich nicht mehr in London.«
»Scheint etwas länger her zu sein?«
»Ich habe Großbritannien 1899 verlassen.«
Leon hebt erstaunt die Augenbrauen. »Eine lange Zeit.«
Ein tiefes Seufzen entleucht meiner Brust, als ich daran denke, wer der Grund dafür war, dass ich London verließ: James, mein Erschaffer. Er hatte mich zuerst verführt und dann verwandelt. Bei beiden Aktionen war er nicht gerade ein Gentleman gewesen. Und immer, wenn er gerade keine Frau hatte, die er ins Bett ziehen konnte, war ich wieder gefragt. Leider fiel es mir damals unglaublich schwer, von ihm zu lassen. Es war eben eine »Amour fou«. Und auch wegen Großmutter war ich in London geblieben, weil ich Angst hatte, dass einer der Blutsauger, unter denen ich verkehrte, ihr etwas antat. Denn es gab nicht unbedingt nur freundliche Vampire zu der Zeit, es gab genügend dieser Typen, die sich ohne Rücksicht auf Verluste nahmen, was sie wollten. Doch als ich James kennenlernte, war er lediglich ein sehr von sich selbst überzeugter Galan gewesen, der in jedem Viertel Londons eine andere Freundin hatte. Leider hatte er auch einen fatalen Hang zum Absinth. Und ein Vampir, der noch jede Menge des grünen Hochprozentigen im Blut hat, kann äußerst gefährlich werden. So war er eines Nachts in der Wohnung meiner Großmutter aufgetaucht, um mich ab zu schleppen und hatte die arme alte Frau bedroht und geängstigt. Dann war endgültig Schluss. Meine Großmutter war damals meine einzige Vertraute gewesen, sie war nach dem Tod meiner Eltern in unsere Wohnung gezogen und hatte mich großgezogen. Sie war immer für mich dagewesen. Niemand, auch kein Vampir, durfte sie ängstigen. Ich vergaß meine gute viktorianische Erziehung und blies James ordentlich den Marsch. Doch als Großmutter 1899 starb, hielt mich nichts mehr in London und ich fing an, um die Welt zu reisen, bis ich in Hamburg hängen blieb. Von James hatte ich nie wieder etwas gehört.

»Lange Zeit hatte ich auch kein Interesse dortzubleiben. Es war ja niemand mehr an diesem Ort, zu dem ich zurückkehren wollte.«
»Auch kein Mann?«
»Mein Erschaffer hat dort gelebt und er war ein ziemlich unausstehlicher Typ. Ich hatte keine Lust, ihm ständig über den Weg zu laufen. Außerdem hatte ich Lust zu reisen und die Welt zu sehen.«
»Und dann bist du ausgerechnet in Hamburg gelandet.«
Ich lächle Leon verführerisch an und drückte einen warmen Kuss auf seine sinnlichen Lippen.
»War meine beste Idee bis jetzt.«
Leon grinst und seine grünen Augen blitzen.
»Und meinen Sangue Macchiato zu probieren.«
»Das auch.«
»Ich werde jetzt mal das Taxi bestellen. Du kannst dich ja dann absetzen lassen, wo du willst.«
»Gute Idee.«

Eine halbe Stunde später setzt das Taxi Leon bei einer In-Bar am Stadtrand ab. Ich werfe ihm noch eine Kusshand zu, bevor er hinter der Drehtür verschwindet.
»Wo soll’s denn hingehen, Miss?«, fragt mich der Taxifahrer in breitestem Londoner Dialekt. Ich grinse in mich hinein. Jetzt habe ich doch tatsächlich diesen Slang vermisst!
»Bringen Sie mich nach Covent Garden.«
Er nickt zustimmend und fährt an. Nach einer Weile Stop-and-Go hält er an einem Taxi-Parkplatz in der Nähe von Covent Garden Market, einer großen Markthalle, eines der wenigen Gebäude, das noch fast genauso aussieht wie im 19. Jahrhundert. Ich zahle brav meine Schulden beim Taxifahrer und steige aus. Langsam bummelte ich durch die Markthalle und bestaune die Leckereien, die dort verkauft werden. Jedoch gibt es nicht mehr nur Lebensmittel in der großen Halle, sondern noch alle möglichen anderen Dinge, von Klamotten bis Schmuck ist alles vertreten. Langsam meldet sich Kaffeedurst in meinem Inneren und gegen ein Stückchen Kuchen hätte ich auch nichts einzuwenden. Ich durchquere schnell die Markthalle und stehe bald wieder in der Fußgängerzone. Suchend blicke ich mich um, aber ich sehe kein einladendes Kaffee. Nach einer Weile Schaufensterbummel entdecke ich eine kleine, versteckte Seitenstraße mit netten kleinen Ladengeschäften und es scheinen sich noch nicht viele Leute in das Gässchen verirrt zu haben. Ich schlendere gemütlich an kleinen, liebevoll ausgestatteten Ladenschaufenstern vorbei, bis ich in einer kleinen Sackgasse lande und direkt vor einem Café stehe. Das an der Außenwand angebrachte Blechschild mit der Aufschrift »Wonderland« bewegt sich leicht im aufkommenden Wind. Nanu, warum stehen keine Stühle und Tische draußen? Neugierig geworden, stoße ich die Tür auf und betrete das Lokal. Als erstes fällt mir der wunderschöne geölte Boden aus Nussbaumholz auf und der Duft von Leinöl zieht in meine Nase, gemischt mit einem herrlichen Aroma nach Cappucchino und frisch gebackenem Kuchen. Auf rechter Seite hat man durch eine große Glasscheibe freien Einblick auf die Backstube und ich kann auf einer Anrichte mehrere Bleche mit Muffins erkennen. In der Mitte des Raumes stehen zwei kleine Zweiertische. Links gibt es einen Stehtisch, der von zwei Regalen aus dunklem Holz umgeben ist, auf denen verschiedene historische Teeservices stehen, die dem Raum eine schöne nostalgische Note geben. Auch sonst wirkt das Café, als sei es aus der viktorianischen Zeit gefallen und in der Gegenwart gelandet. In die Ecke neben die Tür zum nächsten Raum kuschelt sich eine nette kleine Bar, hinter der ein chromblitzender italienischer Kaffeeautomat steht. Dahinter hängt ein Regal, wo sich Espressotassen, Cappucchino-Tassen, und große Henkeltassen ein Stelldichein geben. Der zweite Raum ist eigentlich das Herzstück des Cafés: ein schöner, heller Wintergarten, der genauso liebevoll eingerichtet ist wie der Eingangsbereich. Ich blicke auf vier kleine Vitrinen, in denen hübsche Marmeladengläschen stehen, durchsichtige Tüten mit lecker aussehenden Cookies, die sich mit bunten Papiertüten abwechseln, deren Inhalt man nur raten kann. Als ich um die Ecke gehe, entdecke ich ein gemütliches, mauve-farbenes Sofa, vor dem ein kleiner Tisch steht. Irgendwie fühle ich mich, als sei ich zu einer Teeparty bei Alice im Wunderland eingeladen. Wie zur Bestätigung fällt mein Blick auf eine schön gestaltete Sonderausgabe von »Alice in Wonderland« und »Through The Looking Glass« in einem der gut bestückten Bücherregale, die links und rechts neben dem Sofa stehen. Ein paar kleine Tische und Stühle aus dunklem Holz stehen noch dort und warten auf Gäste. Dennoch lacht mit das Sofa mehr an. Ich liebe es einfach, bequem zu sitzen, aber auch den ganzen Raum im Blick zu haben. Auf dem kleinen Tischchen liegt eine originelle selbst gebastelte Karte, die ich zur Hand nehme. Entzückt hebe ich die Augenbrauen, als mein Blick gleich als erstes auf die verschiedenen Varianten von Kaffee fällt. Mal sehen, was es für Kuchen gibt. Ich blättere um und lande bei den Rührkuchen. » Double Chocolate Bundt Cake«, das liest sich sehr verführerisch, da ich nicht nur ein Kaffee-o-holic bin, sondern auch ein bekennender Schoko-holic. Gerade als ich mich nach einer Bedienung umsehe, klingelt mein Handy. Eilig fische ich es aus der Handtasche. Es ist Leon.

»Hallo«, meldet sich seine sinnlich-tiefe Stimme und ich schmelze dahin wie Schokolade auf dem Wasserbad.
»Hallo Leon. Seid ihr schon durch mit den Proben?«
»Beinahe. Wo bist du gerade?«
»Ich habe ein hübsches und sehr gemütliches Café gefunden und schätze, ich werde noch ein bisschen länger verweilen. Ich fühle mich hier fast wie Alice im Wunderland. Naja, »Wonderland« ist ja auch sein Name.«
»Wenn jetzt noch die Besitzerin Alice heißt, wundert mich nichts mehr. Ich könnte auch einen Kaffee und etwas zwischen die Rippen vertragen.«
»Dann beeil dich, die Kuchenkarte ist sehr vielversprechend.«
»Du bist ein kleines Süßmäulchen«, zieht Leon mich sanft auf.
»Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen«, gebe ich würdevoll zurück. »Du bist ein noch schlimmerer Schoko-holic als ich.«
»Das Einzige, was noch süßer ist, bist du. Am liebsten würde ich dich vernaschen. Sofort.« Seine Stimme ist dunkel und sexy angeraut, was meine Ohren klingeln lässt und meine Fantasie in Richtung Leon-aufs-Kreuz-legen lenkt. Nun, das muss bis heute Nacht warten.
»Nun, erst mal solltest du dich noch eine Weile an deinen Cappucchino-Tassen festhalten und dir warme Gedanken machen.«
Ein Seufzen erklingt am anderen Ende der Leitung.
»Muss ich wohl. So, ich bin jetzt wieder dran. Schätzungsweise bin ich in einer halben Stunde hier fertig. Lass mir noch ein wenig Kuchen übrig.«
»Natürlich.«

Kaum habe ich mein Handy wieder in meiner Tasche versenkt und angefangen, vor mich hin zu träumen, als eine männliche Stimme mich unsanft aus meinen Leon-Träumereien herausreißt. Ich zucke zusammen und blicke auf. Vor mir steht ein großer, schlanker Mann. Sein langes Haar hat er im Nacken zu einem Zopf gebunden, die Koteletten lassen sein schmales, aristokratisches Gesicht ein wenig voller wirken. Er trägt ein helles Rüschenhemd und an seinen Fingern blinken einige Ringe. Seine Haut ist weiß wie Alabaster und glänzt von Sonnencreme und seine hellen Augen haben etwas mehr Leuchtkraft als diejenigen von gewöhnlichen Leuten. Auch der Lilienduft, der seiner Haut entströmt, zeigt mir, dass ich es mit einem Vampir zu tun habe. Einem Vampir, den ich gut kenne. Es ist Iwan, den ich bereits zu viktorianischen Zeiten kennengelernt habe. James hatte sich nie darum gekümmert, mich in mein neues vampirisches Leben einzuführen, geschweige denn, mir zu erklären, wie man einem Menschen Blut abnimmt, ohne ihn gleich zu töten oder zu verwandeln. Dies hat damals Iwan getan und wir sind dabei gute Freunde geworden. Er war fast wie ein Bruder für mich. Auch damals schon arbeitete er als Bedienung in einem Kaffeehaus. Ich freue mich unglaublich, ihn wieder zu sehen. Ein freudiges Lächeln erscheint auf seinem Gesicht, als er mich erkennt.
»Viktoria! Ich kann es ja kaum glauben, dich ausgerechnet hier wieder zu sehen. Du warst ja wie vom Erdboden verschluckt«, begrüßt er mich und zieht mich zu sich hoch. Schwesterlich umarme ich ihn.
»Ach, nach Großmutters Tod wollte ich in die Welt hinaus und endlich das tun, was mir Spaß macht.«
»Und James entkommen.«
»Seit ich ihm damals die Zähne gezeigt habe, als er Großmutter bedroht hat, hat er sich zurückgehalten. Ich habe schon sehr lange nichts mehr von ihm gehört oder gesehen.«
»Liegt vielleicht daran, dass er sich mit dem Vampirrat angelegt hat.«
»Der hat Nerven. Naja, egal, ist nicht mein Problem.«
»Schade, dass ich heute arbeiten muss, ich habe leider nur wenig Zeit für dich. Bist du noch länger in London?«
»Noch zwei Tage. Mein Freund ist bei dieser Barista-Competition dabei.«
»Und da hältst du ihm nicht das Händchen?« Durchtrieben zwinkert der Vampir mir zu und ich muss herzhaft lachen. Iwan ist noch immer der Alte. Immer gut für einen coolen Spruch und ein charmantes Grinsen!
»Nicht bei den Proben. Außerdem kommt er bald. Dann kannst du sehen, ob ich die richtige Wahl getroffen habe.«
»Als ob du dir in diesen Dingen dreinreden lässt. Was darf ich dir denn bringen?«Double Chocolate Bundt Cake»Einen Cappucchino und ein Stück vom Double Chocolate Bundt Cake.«
Er lächelt.
»Du hast Glück. Wir haben gerade einen aus dem Ofen geholt.«
Iwan prescht davon und ich setze mich wieder. Ein Grinsen streift über meine Lippen, als ich daran denke, was wir für gute Zeiten miteinander verbracht haben.
Er lächelt.
»Du hast Glück. Wir haben gerade einen aus dem Ofen geholt.«
Iwan prescht davon und ich setze mich wieder. Ein Grinsen streift über meine Lippen, als ich daran denke, was wir für gute Zeiten miteinander verbracht haben.

Kurze Zeit später steht die dampfende Cappucchino-Tasse vor meiner Nase und der Kaffeeduft mischt sich mit dem fantastischen Kuchenaroma. Verführerisch duftend räkelt er sich auf dem weißen Kuchenteller. Ich kann nicht widerstehen und beiße in das locker-fluffige Backwerk. Dieser Kuchen ist nicht nur von außen ein Meisterwerk, sondern auch seine inneren Werte überzeugen. Zufällig fällt mein Blick auf die mir gegenüberliegende Glasscheibe des Wintergartens und als ich sehe, wer sich darin spiegelt, bleibt mir das Stück Kuchen fast im Hals stecken: es ist James! Sein dunkles Haar ist etwas länger als damals, als ich ihn verließ, aber seine hellbraunen Augen leuchten noch immer so von sich eingenommen wie zu früheren Zeiten. Verdammt noch mal, jetzt bin ich einmal in England und prompt läuft mir dieser elende Schuft über den Weg. Hat er das gerochen? Hoffentlich sieht er mich nicht, denke ich beunruhigt. Leider wird mein Gebet nicht erhört. Er kommt in den Wintergarten und erkennt mich. Verflixt, wo ist jetzt ein Mauseloch, wo ich mich verkriechen kann? Ein selbstgerechtes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht und er kommt auf mich zu.
»Schon lange nicht mehr gesehen«, begrüßt er mich und lässt unangenehm lange seinen Blick über meinen Körper wandern. Ich spüre, wie ich mich versteife, aber gleichzeitig zornig werde. Sein Atem ist so alkoholgeschwängert, dass er damit schon Leute betrunken machen könnte.
»Aus gutem Grund«, antworte ich kurz.
»Darf ich mich zu dir setzen?«
»Nein!«
Er kümmert sich keinen Deut um meine schroffe Absage und setzt sich neben mich auf das Sofa.
»So geht man nicht mit guten Freunden um!«, erwidert er und ein wütender Ausdruck erscheint in seinem arroganten Gesicht. Langsam wird es mir mulmig. Ich könnte mich zwar wehren, aber alkoholisierte männliche Vampire sind äußerst unberechenbar, zudem ist sein Körper immer noch muskulös und mir an Kraft deutlich überlegen ist. Er rutscht aufdringlich nahe zu mir hin und versucht, mich an sich zu ziehen. Sein Schnapsatem ist so widerlich, dass ich mich am liebsten übergeben würde. Verdammt, warum hilft mir keiner? Im nächsten Moment fällt mir ein, dass auch ich ein Vampir bin. Meine Lippen öffnen sich, meine Vampirzähne fahren aus und ich zische ihn wütend an.
»James, lass mich bitte in Ruhe. Wir gehen seit sehr langer Zeit getrennte Wege und ich habe nicht vor, diese Beziehung jemals wieder aufleben zu lassen.«
»Stell dich doch nicht so an. Ich weiß doch, dass du mich noch immer willst«, sagt er heiser und will mich küssen. Unbändige Wut bemächtigt sich meiner. Wenn er glaubt, sich alles nehmen zu können, was und wann er will, hat er sich kräftig geschnitten. Ich hole aus und verpasse ihm eine Ohrfeige.
»Lass mich endlich in Ruhe!«, rufe ich ärgerlich aus. Er reibt sich die schmerzende Wange, dabei tritt ein tödlicher Blick in seine Augen, der mir Angst einjagt. Wütend will er sich auf mich stürzen.
»Was an ›lass mich in Ruhe‹ hast du hier nicht verstanden?«, erklingt eine sehr ruhige, aber eiskalte männliche Stimme hinter uns. Wir fahren herum. Leon steht vor uns und in seine Augen tritt ein tödlich leuchtender Blick.
»Was geht dich das an?«, schnauzt James sein Gegenüber unfreundlich an. Doch der zeigt sich wenig beeindruckt.
»Ich bin ihr Lebensgefährte, so gesehen, geht es mich sehr viel an, wenn einer wie du meine Frau belästigt«, zischt Leon ihn an.
»Du hast eine ziemlich große Klappe für ein fragiles Menschlein«, spottet James und schenkt Leon einen verachtungsvollen Blick. Dann lässt er seine Fänge aus seinem Oberkiefer schießen, was Leon lediglich mit dem Heben einer Augenbraue quittiert. Dies bringt James in Rage, er steht auf und stürzt sich auf Leon. Doch bevor er Schlimmeres anrichten kann, erscheint Iwan im Wintergarten.
»Was ist hier los?«, fragt er beunruhigt und ein ärgerliches Zischen entweicht seinen Lippen, als er James erkennt.
»James, mir scheint, dir ist nicht ganz bewusst, dass du auf Bewährung bist«, sagt er eiskalt. Leon und James fahren herum. Iwan hat sich vor ihnen aufgebaut und in seinen Augen steht ein Blick, der nichts Gutes bedeutet.
»Das ist nicht dein Problem!«, raunzt James den Kellner an. Doch der zeigt sich wenig beeindruckt.
»Anscheinend hast du auch vergessen, dass ich nicht nur Kellner bin, sondern auf für den Vampirrat arbeite.«
James lacht hämisch auf.
»Du willst mir drohen? Du bist doch nur ein kleines Licht im Vampirrat«, pöbelt der betrunkene Vampir Iwan an. Dessen Antwort ist ein ärgerliches Zähnefletschen.
»Vielleicht ernüchtert dich ja die Tatsache, dass Amelia Strongblood gerade hier eingetroffen ist. Ich kann dich gerne zu ihr setzen und ihr erzählen, dass du schon wieder Leute hier belästigst. Dann hast du schneller wieder einen Pflock in der Brust, als du denkst. Fünfzig Jahre haben ja wohl nicht zum Nachdenken gereicht«, antwortet Iwan verächtlich. Ein Ausdruck von Panik erscheint auf James Gesicht, den ich bei ihm zuvor noch nie gesehen habe.
Leise fluchend macht der Angetrunkene sich davon. Was immer diese Amelia Strongblood mit ihm getan hat, er scheint sie mehr zu fürchten als der Teufel das geweihte Wasser. Mit zitternden Knien sinke ich auf das Sofa zurück.
»Ist alles in Ordnung, Viktoria?«, fragt Leon besorgt, setzt sich zu mir, legt mir sanft den Arm um die Schultern und ich spüre, wie die Anspannung weicht.
»Ich – es geht schon wieder«, antworte ich leise.
»Ich bringe euch einen Drink auf den Schreck hin. Du bist auch für einen Vampir ziemlich blass«, sagt er, während er die Scherben meiner Tasse auf ein Tablett schichtet und sich auf den Weg in die Küche macht. Kurz darauf kommt er mit zwei Gläsern Whisky zurück.
»Danke«, sage ich und stürze das Getränk mit Todesverachtung hinab. Eigentlich trinke ich so gut wie nie Alkohol, vor allem nach den Erfahrungen, die ich mit James in betrunkenem Zustand machen musste, aber diesmal brauche ich das Brennen in der Kehle.
»Scheint gutgetan zu haben«, grinst Leon.
»Oh ja. Jetzt geht es mir besser.«
»Tut mir leid, dass du beim ersten Besuch hier so etwas erleben musst«, entschuldigt Iwan sich.
»Es ist ja nicht deine Schuld. Danke für deine Hilfe«, erwidere ich und kann endlich wieder lächeln.
»Ist Amelia Strongblood wirklich hier?«
Iwan lacht herzlich.
»Nein, sie kommt immer erst bei Einbruch der Dunkelheit.«
»James scheint sie ziemlich zu fürchten«, wirft Leon ein und grinst.
»Allerdings. Sie war es, die vor 50 Jahren gleich nach ihrer Amtseinführung als Chefin des Vampirrates James mit einem Pflock ruhigstellen ließ.«
»Er muss sich ja eines schweren Vergehens schuldig gemacht zu haben.«
»Sein Hang zum Alkohol war sein Verhängnis. Er hat sämtliche Regeln zum Umgang mit Blutspendern gebrochen. Und als er einen Blutspender beinahe verbluten ließ, hat sie Konsequenzen gezogen«, entgegnet Iwan.
»Es sieht aus, als hätte er noch immer nicht genug Zeit zum Nachdenken gehabt. Vielleicht sollte man ihn überzeugen, eine Entziehungskur zu machen. Dann ist er wenigstens nur noch arrogant und nicht mehr so aggressiv«, meine ich nachdenklich.
»Ich werde Amelia jedenfalls informieren, dass man sich dringend um ihn kümmern muss. Aber jetzt genießt das »Wonderland«, sagt Iwan mit einem Zwinkern und lässt Leon und mich alleine.

Diesmal durfte ich einen super leckeren, super saftigen Schokokuchen nachbacken. Zugegeben, es ist sehr viel Schokolade, aber dafür habe ich Zucker weggelassen und statt 300 g, wie im Originalrezept angegeben, nur 200 g genommen. Außerdem hab ich Haselnüsse gegen Mandeln ausgetauscht.

Zutaten
• 
300 Gramm Butter weich
• 
200 Gramm Zucker
• 
5 mittelgroße Eier
• 
150 Gramm Mehl
• 
150 Gramm gemahlene Mandeln
• 
2 Teelöffel Backpulver
• 
1 Prise Salz
• 
50 Gramm Backkakao
• 
80 Gramm Bitterschokolade geraspelt
• 
ca 250 Gramm Schokoguss

Zubereitung
1. 
Backofen auf 180 Grad Ober- und Unterhitze vorheizen. Eine große Kastenkuchenform einfetten und mit Mehl bestäuben. Alternativ kann man auch eine Springform nehmen, die Backzeit muss dann aber u.U. angepast werden.
2. 
Für den Teig die weiche Butter mit dem Zucker schaumig schlagen, die Eier nacheinander einzeln gut unterrühren. Das mit den Mandeln, Backpulver, Salz und Backkakao vermischte Mehl langsam dazugeben; zum Schluss die Raspelschokolade unterheben.
3. 
Teig in die vorbereitete Form füllen und glattstreichen. Etwa 50 bis 60 Minuten backen. Stäbchenprobe machen. Der Kuchen darf (und soll) aber innen noch etwas feucht sein; so bleibt er gut eingepackt auch mehrere Tage saftig. Kuchen in der Form abkühlen lassen. Mit Schokoguss überziehen.

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