Whitehall Ripper – Auszug aus dem Roman von Kay Noa & Lilly Labord

Fionn kannte viele Gegenden Londons wie die sprichwörtliche eigene Westentasche und wusste daher, wo er sich für den Tag noch einmal ungestört rasieren konnte. Danach zog er sich um, verstaute die getragenen Sachen in einem Kleiderbeutel und legte ihn oben in die Reisetasche, die später wieder unter seinem Schreibtisch im Büro landen würde.
So gewappnet erschien er vierzehn Minuten später in dem kleinen Café namens Wonderland und sah Lara schon im Wintergarten sitzen.
Es war sehr voll, und zu seiner Erleichterung bediente heute Iwan, sodass die gestreifte Markise vorgezogen war und man angenehm schattig saß, anders als bei Iwans stets sonnenhungriger Kollegin Sabrina, die außerdem auch weit weniger freundlich war.
„Ich bitte um Nachsicht, dass ich nach Ihnen eintreffe! Gut, dass Sie schon bestellt haben“, sagte Fionn sehr förmlich und schob die Reisetasche unter den Stuhl zu seiner Linken.
„Kein Problem“, erwiderte Lara und ihre Sonnenbrille verbarg ihren Blick, sodass Fionn nicht einmal erraten konnte, ob sie sich freute, ihn zu sehen, oder verlegen war, weil sie sich nach der merkwürdigen Kussszene zum ersten Mal wiedersahen. Ihre Körperhaltung ließ allerdings vermuten, dass sie sehr deutlich zu machen wünschte, dass dieser Kuss nichts gewesen war, als ein kluger taktischer Schachzug im Rahmen ihrer Dienstausübung.
Fionn nickte dem Kellner zu, der kurz darauf an den Tisch kam.
„Was darf es denn sein, Chief Inspector?“
„Ich glaube, ich brauche einen entkoffeinierten Latte Macchiato und etwas Süßes und Gehaltvolles, Iwan!“
Der junge Kellner zog ein wenig die Augenbrauen nach oben. „Wenn Sie meinen, Chief Inspector …“ Da Fionn nickte, sagte er: „Nun, da habe ich heute, glaube ich, genau das Richtige für Sie.“
„Sie trinken Kaffee? Geht Entkoffeinierter?“, erkundigte sich Lara. „Und wieso scheint dieser Iwan sich das auch zu fragen?“
„Entkoffeinierter Kaffee geht mit Müh und Not. Und das Wonderland hat viel schattenweltliche Kundschaft“, erklärte Fionn nach einem kurzen Blick zu den Nachbartischen. „Wie die beiden Elfen dort drüben. Was Iwan angeht, so gehört er … zu jenem Personenkreis, der das Koffeinproblem aus eigener Anschauung kennt.“
„Oh.“ Lara sah daraufhin interessiert zu dem Kellner mit dem eleganten, berüschten Hemd und zu den schlanken, hübschen Elfen, die je eine Kurkuma-Latte vor sich stehen hatten. „Ich habe einfach noch keinen Blick für … Personen mit dieser Problematik.“
Iwan brachte Fionns Getränk, hatte aus guter Kundenkenntnis darauf verzichtet, die Zuckerdose auf das Tablett zu stellen, und servierte zum Kaffeegetränk einen schneeweißen Kuchen mit roten Spritzern, der auf dem weißen Teller und lackweißen Tisch umso eindrucksvoller wirkte.
„Ein Rezept meiner Tante“, erklärte er und die Andeutung eines schalkhaften Lächelns blieb ganz minimal. „Wir nennen ihn … Vampirkuchen.“

Vampirkuchen

„Ich nehme an, er hat gruselig viele Kalorien“, sagte Fionn mit leichtem Blinzeln und teilte ihn mit der Kuchengabel. Schokoladendunkler, lockerer Teig kam zum Vorschein.
„Wie war denn nun die Vernehmung?“, fragte Lara.
„Auch gruselig.“ Fionn genoss den Bruch aus rustikal-nussigem Kuchenteig, frischer, kühler Sahne und den Spritzern aus Whiskey und Himbeergelee. „MacLeuwd ist als vernehmender Beamter nicht gerade leicht zu ertragen. Aggressiv, voreingenommen, vorschnell. Ich nehme an, er versucht immer, seine unglücklichen Opfer mit Beleidigungen aus der Reserve zu locken, damit sie sich vor lauter Wut selbst belasten?“
„Immer“, bestätigte Lara. „Aber was kam schließlich heraus? Ich nehme ja nicht an, dass ausgerechnet Sie die Nerven verloren haben!“
„Mir ist ein kleiner Lapsus unterlaufen, indem ich plötzlich Melis Kosenamen gebrauchte, mehr nicht. Aber es ist jedem vernünftigen Menschen einsichtig, dass man jahrelange Bekannte selten mit Titel oder Nachnamen anspricht. Trotzdem ärgere ich mich darüber, schließlich habe ich selbst genügend Vernehmungen durchgeführt. Aber am Ende war es MacLeuwd selbst, der in den Graben stürzte, den er für mich zu graben versuchte. Er plauderte aus, dass er die Opfer kannte, und es entstand der Eindruck, dass er … sie näher kannte, als es seinem Job bei der Sitte ansteht.“
Da Lara nur stillschweigend das zerbrechliche Mürbgebäck mit der Gabel über den Teller jagte, das sich einfach nicht aufspießen lassen wollte, und es dann eben in die Hand nahm, hakte Fionn nach.
„Könnte das sein?“
Lara deutete ein Schulterzucken an.
„Wieso verabscheuen Sie MacLeuwd derartig?“, fragte Fionn also.
„Das tun Sie doch auch, oder?“, wehrte sie ab. „Ist ja auch echt nicht schwer. Ich mag die Art nicht, wie er mit seinen Leuten umgeht. Oder eben Zeugen.“
Fionn akzeptierte, dass sie zu diesem Thema nicht mehr sagen wollte.
Also aß er seinen Kuchen, genoss den wegen der Entkoffeinierung nicht ganz perfekten, aber erfreulichen Geschmack des Latte Macchiato, und spürte, wie auch diese winzige Menge Koffein in ihm den Wunsch weckte, sich einmal so richtig auszuagieren. Beispielsweise durch einen Spurt, einen Marsch über Land, oder, besser noch, durch eine körperliche Auseinandersetzung.
Lara saß da, die Augen hinter ihrer Sonnenbrille verborgen, so als sei sie der Vampir von ihnen beiden, und Fionn fragte sich langsam, was er nur getan hatte, dass sie so offensichtlich ständig sauer auf ihn war.
Plötzlich lehnte sie sich vor, zog die Sonnenbrille etwas nach unten, sodass er ihre Augen sehen konnte, und fragte: „Wäre es Ihnen sehr peinlich gewesen, wenn ich Sie vor Ihrem sicherlich sehr prunkvollen und standesgemäßen Wohnsitz abgeholt hätte? Vermutlich hätte Ihr Butler ähnlich reagiert wie der von Lady Dingens: Olivia!“
Fionn verharrte kurz, die Gabel in der Luft, dann legte er sie samt Kuchenstückchen auf den Teller.
„Sie meinen, ich hätte deswegen vorgeschlagen, mich hier zu treffen? Weil es mir hätte peinlich sein können?“
Lara nickte.
Fionn war dankbar dafür, dass Vampire nicht dazu neigten, zu erröten.
Er lehnte sich vor, zog die Reisetasche ein wenig nach vorne, klopfte darauf und sagte: „Hier hätten wir uns ja nicht gut treffen können! Und das ist zurzeit meine Londoner Wohnung. Ja, sicher hätte mir das peinlich sein können.“
Lara runzelte die Stirn.
„Wollen Sie mich veralbern, Byrne?“
Er schüttelte den Kopf und erklärte tapfer: „Wie Sie aus eigener Anschauung wissen, habe ich meinen Londoner Wohnsitz in meinem Club. Und dieser Club beherbergt seine Mitglieder an genau 200 Tagen bzw. Nächten im Jahr. Weitere erfordern einen Aufpreis, der in etwa dem eines guten Hotels entspricht.“
„Und das leisten Sie sich nicht? Bei Ihrem Snobismus?“, spottete sie.
„Wenn Sie Ihren Satz minimal korrigieren, stimmt er: Ich kann es mir nicht leisten“, sagte er ernst und aß seinen Kuchen auf.
Lara schien aus dem Konzept gebracht und musterte ihn mit einer Mischung aus Zweifel, Irritation und … war das Erheiterung? „Halt mal“, sagte sie mit einem ungläubigen Grinsen. „Sind Sie deshalb hier in London so ein Partyluder?“
„Ein Wort, das ich gewiss nicht gewählt hätte“, entgegnete er.
Sie hatte recht. Es war peinlich.
„Hey! Das heißt, zweihundert Tage schlafen Sie wie ein König und den Rest …“
„Eher wenig“, ergänzte er matt. „Und nun, nachdem Sie gesehen haben, Wesson, dass Ihre Wohnung aktuell größer und luxuriöser ist, als meine, können wir vielleicht zum Geschäftlichen übergehen und uns darüber austauschen, was unsere jeweiligen Gespräche ergeben haben. Ich fürchte nämlich, die werden sich auch um Wohnungen drehen. Wohnungen, Häuser und das Geld, das man – besonders hier in London – dafür benötigt.“
Lara musterte ihn stirnrunzelnd. „Wie kommen Sie darauf?“
Fionn hob leicht die Schultern.
„Gargoyles. Melis Tod, der sonst gar nicht in die Reihe der bisherigen Verbrechen passt, der aber vielleicht Sinn ergibt, wenn man bedenkt, wessen Tochter sie ist. Und ein Gespräch mit Mike …“
„Ah“, sagte Lara und sah ein winziges bisschen verlegen aus, sofern das bei ihr möglich war. „Haben Sie auch mit ihm geredet?“
„Ja, wir haben etwas getrunken, kamen gerade über das Thema ins Gespräch, da sah er Stephen, einen Elfen, der in der Welt der Kommunikationsportale einiges bewegt, und nahm Reißaus. Das alles gibt sehr zu denken. Zudem möchte mir gerade so ziemlich jeder erzählen, dass die Immobilienpreise in der Gegend fallen, in der die Ripper-Morde passieren. Sogar Ihr … Freund Smith.“
Lara schien nicht sicher, auf welchen Aspekt sie zuerst eingehen sollte. Sie rührte in ihrem sicher längst steinkalten Cappuccino herum, ohne hinzusehen, was kleinste Tröpfchen fliegen ließ, und mied seinen Blick. Der aufmerksame Iwan fragte daraufhin sofort, ob er nicht lieber abräumen solle und sie nickte erleichtert.

Die Vampirtorte aus dem Roman kann man mit oder ohne Whisky im Blut zubereiten. Ich hab die Erwachsene Variante genommen und – Wow! Superlecker. 😉

Wonderland – Vampirtorte

Zutaten
•2 Tassen Mehl
•1 Tasse Haferflocken
•1 Tasse Milch
•1 knappe Tasse Zucker
•3 EL Kakaopulver ungesüßt
•2 Eier
•1 Becher Schlagsahne
•1 Päckchen Vanillezucker
•1 EL Whiskey (Für Kinder die Marmelade mit 1-2 EL heißem Wasser glattrühren)
•5 EL rote Marmelade, am besten Kirsche oder Himbeere
•200g Butter zimmerwarm

Zubereitung
Ofen auf 200 Grad vorheizen, dann alle trockenen Zutaten bis auf den Zucker in einer Schüssel vermischen.
Die Eier mit Zucker und Butter schaumig schlagen.
Milch hinzugeben.
Trocken und Flüssig vermischen, falls es zu trocken wird und nicht klebrig vom Löffel fällt, Sprudelwasser nehmen, um zu verdünnen (Teig nur kurz rühren).
35-40 min backen, oder bis ein Zahnstocher sauber beim Anstechen aus dem Teig kommt.
Auskühlen lassen. Dann erst aus der Form nehmen.

Schlagsahne mit Zucker und Vanillezucker zu aufschlagen. (Sahne vorher gut kühlen!) Soll gut stehen, aber nicht zu fest werden. Sollte die Torte nicht frisch serviert werden, kann man statt mit Zucker mit Sahnesteif arbeiten.
Den lauwarmen Kuchen mit 3 EL der Marmelade glasieren. Die restliche Marmelade mit dem Whiskey leicht flüssig rühren. Die Sahne (Wird sie mit Zucker aufgeschlagen, nennt man sieChantillycreme) auf den Kuchen streichen und dabei Spitzen zupfen („Vampirzähne“). Mithilfe eines Löffels die Whiskeymarmelade über die Chantilly-Creme träufeln, sodass sie wie her-ablaufendes und herabgetropftes Blut wirkt.

Der Kuchen schmeckt so genial! Ich habe ihn heute gebacken und er ist bereits verputzt. 😉

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.