Afternoon Tea von Evita Sommer

Aprilwetter in London hat seinen ganz eigenen Charme. Um dies festzustellen, war ich eigentlich nicht hergekommen, und nun so kurz vor Ostern ein Schneetreiben erleben zu dürfen, erregte meinen Unmut. Mein Biorhythmus hatte sich schon auf Frühling eingestellt und so schlug ich den Kragen meines schicken Übergangsmantels hoch und kämpfte mit blinzelnden Augen gegen die kleinen weißen Schneeteufelchen an. Meine Dreadlocks hatte ich zu einem blonden Kunstwerk aufgetürmt, was meinen nackten Hals nun unweigerlich dem kalten Nass preisgab. Der kurze Rock und die Highheels entbehrten auch aller Zweckmäßigkeit für solcherlei Wetterkapriolen.

Was musst du dich auch so auftakeln, nur weil du mal in die Hauptstadt fährst?, rügte ich mich selbst. Um die jungen Leute zu beeindrucken sicherlich nicht. Die drei hatte ich sowieso schon am Morgen in den Bus nach Leavesden gesetzt. Isa und Lenny, die Kinder meiner Cousine und deren Freundin Elí waren bei mir zu Besuch und sollten bis über die Osterfeiertage bei mir bleiben. Und heute ging es anlässlich Elís Geburtstag in das kürzlich neu eröffnete Harry Potter Museum zur ›Harry Potter Studio Tour‹. Mir kam das recht gelegen, um einen Abstecher zu meinem neuen Projekt nach Surrey Hills einzuplanen und mich anschließend mit Roy in London zu treffen.

»It‘s a mystery, let’s meet as soon as possible…«, hatte der Nerd am Telefon geheimnisvoll gemunkelt. Nun war ich ein wenig besorgt, er könnte jetzt mehr von mir erfahren haben, als mir lieb war. Aber was soll es, wahrscheinlich hielt er das Ganze dann für Storymaterial für ein neues geheimes PC-Spiel. Ja, so würde ich es ihm verkaufen können.
Irgendwie war mir die Lust an einer Shoppingtour vor dem Treffen vergangen. Ich flüchtete in die mit einer Glaskuppel überdachten Markthallen des Covent Garden, Shoppingcenter und geselliger Treffpunkt des Bezirks. Ich eilte an der Balustrade entlang und erwog kurz, mich einfach im Untergeschoss an einen der Cafétische zu setzen. Bis zum Treffen mit Roy blieb mir noch reichlich Zeit und ich überlegte, ob ich nicht hier noch ein wenig durch die Geschäfte bummeln sollte. Doch meine Gedanken wollten sich nicht auf die Auslagen in den wunderschön dekorierten Schaufenstern konzentrieren. Mit unstetem Blick hastete ich von einem Laden zum nächsten und mit jedem neuen Schaufenster entglitt mir die Erinnerung an das vorherige. Ob es nun Schuhe, Klamotten oder Schmuck waren, genauso gut hätten es Wurstwaren oder Käse gewesen sein können. Das war vertane Zeit. Warum also nicht gleich dieses Café Wonderland aufsuchen, das Roy angegeben hatte.

»Café Wonderland? I‘m really sorry, but I don‘t know«, war die erste Antwort eines älteren Herren, der sich dann eilig an mir vorbeischob. Und so ging es mir noch mit sechs weiteren Passanten. Niemand schien das geheimnisvolle Café zu kennen. Was hatte sich dieser Nerd nur dabei gedacht, ausgerechnet dieses als Treffpunkt auszuwählen? Dann versuchte ich es eine Etage tiefer. Mit der mir bestmöglichen Eleganz balancierte ich die Treppe hinunter, nur um auf der untersten Stufe umzuknicken und in die Arme eines glücklicherweise günstig bereitstehenden Kerls zu stürzen.
»Radi Boga – be careful, theise stairs are truly dangerous for pretty young ladies.« Der junge Mann zwinkerte und grinste dabei frech. Der Blick aus seinen intensiv grauen Augen ging mir durch Mark und Bein und ich fragte mich einen kurzen Moment, ob es hier irgendwo ein abgeschiedenes Plätzchen gab, an dem man Sex haben könnte. Bist du jetzt völlig bescheuert, das Bürschchen ist doch höchsten Mitte zwanzig und wünscht sich wohl kaum die Zuwendung einer Mittdreißigerin. Ich lächelte mit grenzdebilem Blick zurück. Endlich fing ich mich wieder und löste mich aus seinem Arm.

»Don`t joke with me«, forderte ich und musterte kurz seine Erscheinung. Die dunkelgraue Hose war aus feinem Stoff, die schwarze hochgeschlossene Lederjacke bildete einen seltsamen Kontrast dazu. Ein hellgrauer Seidenschal harmonierte wunderbar mit der Farbe seiner Augen. Dunkle lange Haare, die in einem gepflegten Zopf zusammengehalten wurden, gaben ihm einen etwas verwegenen Touch, dessen Exzentrik durch die fein konturierten Koteletten im viktorianischen Stil noch verstärkt wurde. ›Radi Boga‹ hatte er gesagt. Das klang irgendwie Osteuropäisch, was auch immer es heißen mochte.
»Wie könnte ich scherzen, ich erkenne immer eine wahrhaft schöne Frau, noch dazu wo heute so ein wunderbarer Tag mit bester Wetterlage ist.« Anscheinend wollte er mich doch veräppeln, besten Dank dafür.

»Ja, sehr schöner Tag.« Damit ließ ich ihn stehen und steuerte auf den Eingang der ›Gallery One‹ zu. Bevor ich die Tür durchschritt, musste ich mich einfach noch einmal nach ihm umdrehen, doch er war bereits in der Menge verschwunden.
»Nein, ich kenne kein Café mit diesem Namen«, meinte die Verkäuferin.
»Wonderland-Café, ich weiß wo das ist«, meldete sich dann eine junge Frau neben mir zu Wort. »Ein sehr wundersamer Ort, aber es gibt einen herrlichen Afternoon Tea dort.« Und dann beschrieb sie mir den Weg und ich eilte zurück in den Innenhof. Ein wenig hoffte ich doch noch einmal einen Blick auf den geheimnisvollen Fremden werfen zu können, leider vergeblich. So machte ich mich auf den Weg ins Wonderland–Café.

Ohne den Schutz der überdachten Glaskuppel war ich dem vorösterlichen Schneetreiben wieder hilflos ausgeliefert und froh, als ich endlich den erlösenden Schriftzug auf dem nostalgischen Schild las. ›Wonderland – Café‹; das Land der Verheißung, die Pforte zur Glückseligkeit. So kam es mir jedenfalls vor, als ich die Pendeltür aufdrückte und mich in einem bezaubernden Wintergarten wiederfand. Weiß lackierte Holztische bildeten einen anregenden Kontrast zu den dunklen Nussbaumdielen des Fußbodens. Das Licht der mit cremeweißem Stoff bespannten Stehlampen tauchte den Raum in eine angenehme Atmosphäre, die von dem dezenten Geruch nach mit Leinöl gepflegtem Holz noch verstärkt wurde. Ehrfürchtig schob ich mich an einer Glasvitrine entlang, die mit allerhand Leckereien bestückt war und mir nun den Duft von frischem Gebäck in die Nase wehte. Ja, an diesem Ort würde ich die Wartezeit auf Roy gut überstehen können. Ich steuerte auf ein mit mauvefarbenem Samt bezogenes Sofa zu, vor dem ein wunderschön geschwungener Metalltisch stand. Flankiert von zwei gut bestückten Buchregalen, zog mich dieser Ort magisch an. Im Vorbeigehen registrierte ich weitere Vitrinen, die an den Wänden aufgebaut waren. Darin lockten diverse Verkaufsartikel wie Marmeladengläser und feines Porzellan. Zufrieden ließ ich mich in die Polster des Sofas fallen und atmete tief durch. Fünf Uhr nachmittags, in einem wunderbaren englischen Café, das war genau die richtige Gelegenheit, um einen stilvollen Afternoon Tea zu genießen.

»Hi, was kann ich dir bringen?« Die Frau mit den kurzen blonden Haaren war in etwa meine Altersklasse und mit ihrer forschen Art genau meine Kragenweite. Sie stellte ein fein ziseliertes Porzellanschälchen, gefüllt mit Erdnüssen, vor mich hin. Dabei rutschte der Ärmel ihrer linken Hand ein wenig nach oben und gab ein Schlangentattoo frei. Ich hätte schwören können, es bewegte sich, dann verschwand es wieder unter dem Stoff des dunkelroten Samtoberteils.
»Ich hätte gerne einen richtig schönen Afternoon Tea, mit allem was dazu gehört, gibt es das bei euch?“

»Nope, not now, have a butcher‘s, customers all around and my workmate‘s still on the dog.« Sie verzog das Gesicht und ich musste erst einmal überlegen, was sie mir sagen wollte, bis mir in den Sinn kam, dass sie mich mit tiefstem ›Cockney Rhyming Slang‹ bedachte, was mir mehr als unhöflich erschien. ›Have a butcher‘s‹ meinte eigentlich, ›have a look‹ und ›on the dog‹ stand für ›on the phone‹. Gut, der Laden war voll und ihr Kollege am Telefon. Kein Grund mich mit Erdnüssen abspeisen zu wollen!
»Okay, I can wait!«, erwiderte ich kühl und sie zuckte lapidar mit den Schultern und wandte sich ab, wobei sie mürrisch vor sich hinknurrte. Ja, sie knurrte, anders konnte man diese Art der Lautäußerung nicht bezeichnen. Ich lehnte mich im Sofa zurück und kramte mein Handy aus der Tasche hervor, um Roy anzurufen. Vielleicht würde er ja auch schon ein wenig früher hier sein können.

»Wie, du bist schon da? Ich brauche aber noch ein wenig. Hätte ich das gewusst, hätte ich meine Termine anders gelegt. Ich werde mich beeilen. Und ach ja, versuch nicht so frech zu sein, wie sonst üblich. Mit der Bedienung ist nicht gut Kirschen essen, wenn man aufmüpfig ist.«
»Ja, das habe ich schon gemerkt, aber was heißt hier nicht so frech zu sein. Wenn hier einer frech ist, dann sie, ich gewiss nicht«, beschwerte ich mich.
»Ja, vielleicht, aber halt dich trotzdem bedeckt. Man munkelt, sie sei eine Werwölfin.« Nun hatte er seine Stimme zu einem Flüstern abgesenkt, als ob ihn jemand von hier belauschen könnte. Eine Werwölfin, hier in London, wie lustig. Dabei hatte ich im Gegensatz zu ihm ja nun tatsächlich Erfahrung mit Gestaltwandlern und anderen andersartigen Lebensformen. In der Welt, aus der ich kam, gab es Dinge, deren Existenz man hier in der Alten Welt nur aus fantastischen Geschichten kannte.
»Ja, und der Kellner ein Vampir«, fügte er nun noch hinzu.
»Ein Vampir?« Jetzt musste ich laut lachen. »Na, dann bin ich aber mal gespannt, wenn er vom Telefon zurückkommt.«
»Nicht so laut, bitte Dari, nimm das ernst!« Roy klang richtig hektisch.
»Ja, ja, mach dich auf den Weg, dann muss ich hier nicht so lange mit Frau Werwolf und Herrn Vampir alleine bleiben.«
»Psst, nicht so laut, ich beeile mich«, und dann legte er auf.

»Die junge Frau hätte gerne einen traditionellen Afternoon Tea?!« Die Stimme kam mir bekannt vor und ich blickte auf. Und da stand er vor mir, der Typ aus den Markthallen. Ohne Lederjacke, dafür mit einem blütenweißen Rüschenhemd und einer schwarzgrauen Nadelstreifenweste. Der Vampir! Ich musste automatisch grinsen, er lächelte zurück und mein Herz tat einen Hüpfer. Ein wenig nervös leckte ich mir über die Oberlippe, fing mich dann aber schnell wieder.
»Ja, das wäre wunderbar, wenn es nicht zu viel Mühe macht.« Oh mein Gott, das hörte sich doch schon echt schmachtend an.
»Für eine schöne Frau gibt es nichts, was mir zu viel Mühe macht. Darf ich Ihren Mantel aufhängen?« Er griff nach dem Mantel, den ich achtlos neben mir auf der Couch abgelegt hatte, und ich nickte zustimmend.
»Das klingt vielversprechend«, sagte ich laut. Verdammt ich musste mir schon wieder über die Lippe lecken. Vielleicht war er ja wirklich ein Vampir. Angeblich konnten die ja einen Menschen unter ihren ganz persönlichen Bann stellen, um sie dann anschließend in Ruhe auszusaugen. Ob man sie mit Sex bestechen konnte? Als Verfechterin der freien Liebe war ich einem interessanten Abenteuer grundsätzlich nicht abgeneigt. Und wenn ich es überlebte, durfte es auch gerne mal ein wenig intensiver sein. Ein Vampir, welch lustige Vorstellung.

»Was für eine Teesorte darf es denn sein?«
»Klassisch? Ein Earl-Grey? Das wäre doch die klassische Wahl, oder?« Zuhause trank ich ja lieber Jasmintee oder einen schönen grünen Tee mit Zitrone, aber das schien mir hier nicht angemessen.
»Sehr wohl die Dame, das ist sicher eine gute Wahl.« Er beugte sich noch einmal kurz vor, um meinen Blick erneut gefangen zu nehmen. Vielleicht war er auch einfach ein indischer Schlangenbeschwörer. Er schenkte mir noch ein diabolisches Lächeln, bevor er auf dem Absatz kehrt machte und im nicht einsehbaren Bereich verschwand. Kurz darauf kam er zurück und deckte den Tisch mit feinem Porzellan ein. Anschließend bereitete er den Tee frisch in einer Glaskanne direkt am Tisch zu. Fasziniert schaute ich auf seine schlanken Hände mit den Fingern eines Klavierspielers, an denen auffällige Ringe glänzten. Tatsächlich hatte er eine sehr helle Haut und ein Siegelring mit einem roten Löwen, der ein goldenes Schild und ein goldenes Schwert trug, zog im Kontrast dazu besondere Aufmerksamkeit auf sich. Er platzierte eine Sanduhr auf dem Tisch, damit ich die Zeit im Blick hatte, um den Teeeinsatz rechtzeitig aus der Kanne zu entfernen.

»Was heißt eigentlich ›Radi Boga‹ und welche Sprache ist das?« Ich musste ihn einfach wieder ins Gespräch verwickeln.
»Radi Boga – das ist russisch, meine Muttersprache und heißt in etwa ›um Gottes Willen‹.«
»Du bist Russe? Davon hört man aber nichts, du sprichst ja völlig akzentfrei.«
»Ich lebe auch schon eine Ewigkeit in England und hatte genügend Zeit die Sprache zu lernen.«
»Eine Ewigkeit? Wie lange denn genau?«
»Sehr lange«, meinte er lakonisch.
»Na ja, so alt bist du nun ja wohl auch nicht.«
»Wenn du es sagst.« Er grinste verschmitzt, dann wandte er sich wieder ab und verschwand im nicht einsehbaren Bereich, vermutlich der Küche. Zurück kam er dann mit einem wunderbar drapierten Etagere und einem Marmeladenkarussell inklusiv einer Clotted Cream. Auf der dreistöckigen Porzellanpyramide waren die traditionellen Afternoon Tea Snacks angeordnet. Scones, bunte Macarons, Battenberg-Cake in vier verschiedenen Farbvarianten, Schoko-Eclairs mit brauner sowie weißer Schokolade, Shortbread, Currant bread und auf dem untersten Teller fanden sich die Savouries, herzhafte Sandwiches mit Lachs, Schinken, Ei und Gurke. Das sah wahrlich lecker aus.
»Mif oder Tif?«, fragte er und lächelte schon wieder so aufreizend.
»Milk in first«, antwortete ich ihm und ich fühlte mich wie ein Eis, das in der Sonne schmolz.
Mit geschickten Händen goss er mir erst die Milch und anschließend Tee in die Tasse.
»Ist alles so, wie du es dir vorgestellt hast?«

»Fast, wenn du dich ein wenig zu mir setzt, dann wäre es perfekt.« Verloren rührte ich mit meinem Kandisstäbchen im Tee herum und nahm mein Gegenüber mit einem dezenten Augenaufschlag ins Visier. Ich war es gewohnt, mit Männern eine direkte Kommunikation zu führen, das verstanden sie für gewöhnlich am besten. Und auch er setzte sich dann brav auf einen Stuhl an den kleinen Metalltisch.
»Aber nur kurz, leider muss ich mich auch noch um die anderen Gäste kümmern, was ich gerade wirklich sehr bedauere.«
»Wie ist dein Name?«“, fragte ich neugierig.
»Iwan, wie es sich für einen Russen gehört, und deiner?«
»Daharia, aber meine Freunde nennen mich Dari.«
»Auch nicht gerade ein absolut britischer Name, und deinen leichten Akzent finde ich sehr charmant. Wo liegen denn deine Wurzeln?«
»Ähm, ich bin vor etwa siebzehn Jahren aus Deutschland hierher gezogen«, wich ich der Frage aus.

»Sag mal, geht’s noch?« Die Werwölfin rauschte um die Ecke. »Ich kann hier rumrotieren und du sitzt hier herum und flirtest mit den Gästen«, empörte sie sich mit bebenden Nasenflügeln, was das kleine Piercing auf der linken Seite zum Funkeln brachte. Dabei fuchtelte sie mit den Armen herum, so dass ihr Tattoo wieder kurz aufblitzte. Diesmal war es aber keine Schlange, die sich um ihr Handgelenk ringelte, sondern ein Band bestehend aus einer Ansammlung von Augen. So sah es jedenfalls aus und ich fragte mich, ob sie nicht tatsächlich mehr als nur sonderbar war.
»Beruhige dich, Sabrina, du wirst es wohl ein paar Minuten ohne mich schaffen. Ich bin gleich wieder auf dem Posten.«
»Das will ich hoffen«, fauchte sie und zog mit mürrischem Gesichtsausdruck von dannen.
»Vielleicht können wir uns mal ein anderes Mal treffen, wenn ich frei habe.« Iwan schob mir eine Visitenkarte zu.
»Das wäre wunderbar, wann hast du denn frei?«
»Abends ab zehn Uhr hätte ich die ganze Nacht Zeit.«
»Diese Woche ist nicht so günstig, ich habe Verwandte zu Besuch, die Kinder meiner Cousine und deren Freundin. Ich muss mich ein wenig um sie kümmern. Aber am Ostermontag reisen sie wieder ab.«
»Am Dienstag nach Ostern hat das Café geschlossen, da hätte ich den ganzen Tag Zeit – und die Nacht sowieso. Genau genommen, kann ich dir ab Montagabend ganz zur Verfügung stehen.« Er lächelte süffisant, was mich aber nicht störte. Klare Verhältnisse gaben mir Sicherheit.
»Gut, dann werde ich am Montagnachmittag wieder einen wunderbaren Afternoon Tea genießen, gleich nachdem ich die Kinder meiner Cousine nach King‘s Cross gebracht habe.«
»Es wird mir ein Vergnügen sein.« Er erhob sich und deutete eine knappe Verbeugung an, bevor er sich mit einer geschmeidigen Bewegung umdrehte und anderen Gästen zuwandte.
Ich schnitt ein Scone auf und bestrich es dick mit Clotted Cream und roter Marmelade. Herzhaft biss ich hinein und erlebte eine wahre Geschmacksexplosion. Hm, war das lecker! Ein Traum diese selbstgemachte Marmelade. Ich leckte mir über die Lippen und biss dann erneut in das wunderbare Gebäck. Noch drei Bissen, dann war es weg. Genussvoll leckte ich mir die Creme von den Fingern. Dabei begegnete mein Blick dem von Iwan, der mich von seinem Platz aus, hinter der Theke, beobachtete. Ich senkte den Blick ein wenig und griff nach einem türkis-gelb gemusterten Battenberg-Cake und biss selbstverloren hinein. Köstlich, der beste Battenberg-Cake, den ich je gegessen hatte. Gerade so unterdrückte ich ein verzücktes Stöhnen und beschränkte mich auf ein weiteres ›Hmmm…‹

»Hi.« Roy ließ sich auf den Stuhl plumpsen, den vor kaum zehn Minuten noch der Russe besetzt gehalten hatte. Was für ein Unterschied – Roys ganzer Stolz war ein wilder Bart und dazu passend trug er ein Shirt mit der Abbildung eines bärtigen Helmträgers und der Aufschrift: ›Prepared for Valhalla‹.
»Ich habe mich echt beeilt«, hechelte er ein wenig außer Atem.
»Super, ich bin schon ganz gespannt, was …«
»Hallo Roy, was darf ich dir bringen«, unterbrach uns die Werwölfin, diesmal mit seidenweicher Stimme und einem zuckersüßen Lächeln. Aha, sie konnte auch anders!
»Hi Sabrina, ich glaube ich gönne mir heute auch so eine wunderbare Tea Etagere, ich liebe euren Battenberg-Cake und die herrlichen Marmeladen.«
»Du kannst auch etwas von mir abhaben, ich glaube nicht, dass ich das alles schaffe«, bot ich ihm an.
»Kein Problem, ich habe einen Bärenhunger, deine Reste schaffe ich noch zusätzlich!« Roy lehnte sich zurück und zwinkerte der Bedienung zu.
»Ich stelle dir ein schönes Arrangement zusammen, du wirst es lieben.« Sabrina schnurrte und warf Roy einen vielsagenden Blick zu, bevor sie in die Küche eilte.
»Okay, wo hast du meinen Chip?«
»Warte, hier ist er.« Er warf das kleine Plastikteil mit dem eingelassenen, silberfarbenen Metallplättchen auf den Tisch. Ich griff danach.
»Und, was hast du herausgefunden?«
»Nichts, leider absolut gar nichts. Auf dem freien Markt gibt es kein Gerät, das diesen Chip auslesen kann. Wo hast du ihn her? Ist das geheimes Militärgut? Bist du in eine Spionageaffäre verwickelt? Du weißt schon, dass sowas gefährlich ist?«
»Das ist nichts Militärisches, es ist etwas aus dem Spielzeugbereich«, log ich enttäuscht. Die Zeit des Chips war anscheinend noch nicht gekommen. Noch immer würde ich nicht erfahren, ob er mit dem ›Geheimnis des Silbers aus der Alten Welt‹ gemeint war. Ich verstaute ihn schnell in meiner Tasche.
»Hast du was mit der angeblichen Werwölfin?“
»Ab und zu.« Roys Grinsen reichte bis zu den Ohren. »Und sie ist ganz sicher eine Werwölfin«, raunte er mit gesenkter Stimme.
»Genau, und der Kerl ist ein Vampir«, spottete ich. Hauptsache, er war von der Sache mit dem Chip abgelenkt. Und es funktionierte. Er konzentrierte sich darauf, mich zur Ordnung zu rufen und dann kam auch schon Sabrina mit seiner Leckereien Pyramide. Sie servierte Tee und flirtete ungeniert mit ihm. Und als er in Windeseile seine Etagere leergefuttert hatte, folgte er Sabrina in die Küche.
Ich suchte Iwans Blick und sah ihn auffordernd an. Er lächelte und näherte sich geschmeidig wie eine Katze meinem Tisch.
»Kann ich noch etwas für dich tun?« Er schenkte mir einen lasziven Blick und ich war versucht ihn zu fragen, ob es in der Küche auch ausreichend Platz für vier gab.
»Ich muss leider gehen, die Kinder warten in einer knappen halben Stunde an der Euston Station auf mich. Was bin ich schuldig?«
»Nichts, das geht aufs Haus.« Er lächelte. Ich stand auf und Iwan begleitete mich zur Garderobe. Galant half er mir in den Mantel, wobei er sich plötzlich ganz dicht an meinem Hals wiederfand. Mein Puls schnellte in die Höhe und überschlug sich förmlich, als ich fühlte, wie er mit seinen Zähnen an meiner Haut entlangfuhr. Dabei sog er hörbar die Luft ein, während mir kurz der Atem stockte. Dann stand er vor mir, ich blickte mit klopfendem Herzen zu ihm auf. Er lächelte und seine Zähne blitzten weiß. Ja, mir kam es plötzlich so vor, als hätte er wirklich recht große Eckzähne.
Wow, dachte ich, ich habe tatsächlich ein Date mit einem Vampir …

Hier sind die Zutaten für Evitas super leckere Scones

300 g Mehl
1 EL Backpulver
30 g Zucker
0.5 TL Salz
70 g Butter, in Stücken, kalt
1.5 dl Milch

Zubereitung:

• 
Mehl, Backpulver, Zucker und Salz in einer Schüssel mischen. Butter beigeben, von Hand zu einer gleichmässig krümeligen Masse verreiben. Milch beigeben, rasch zu einem weichen Teig zusammenfügen, nicht kneten. Teig flach drücken, zugedeckt ca. 30 Min. kühl stellen.
• 
Teig ca. 2 cm dick auswallen. Mit einem Glas (ca. 5 cmØ) ca. 12 Scones ausstechen, auf ein mit Backpapier belegtes Blech legen, mit Milch bestreichen.
• 
Backen: ca. 15 Min. in der Mitte des auf 200 Grad vorgeheizten Ofens. Herausnehmen, leicht abkühlen.
• 
Servieren: Scones werden traditionell lauwarm mit Erdbeerkonfitüre und Clotted Cream serviert.

Man kann wie ich die Abkürzung nehmen und ein „Clotted Cream Ersatz“ dazu reichen – hierfür mischt man geschlagene Sahne und Mascarpone, oder ihr macht euch die Mühe (und nehmt euch die Zeit) für das Original.

 

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