Die Konferenz der Archivare von Regina Mengel

Ein Tritt traf Hope schmerzhaft in die Seite. „Au!“, fluchte sie. „Verdammter Ostwind! Hör auf zu zappeln. Wenn du nicht Ruhe gibst, sind wir schneller wieder im Wolkenschloss als du Archiv sagen kannst.“
„Lass mich endlich raus.“ Die ohnehin schon krächzende Stimme des Flederdrachens klang noch ein wenig kratziger als sonst.
„Wir sind mitten in London, ich werde dich ganz sicher nicht all diesen ahnungslosen Menschen präsentieren.“ Hope senkte die Stimme, als sich eine Gruppe von Touristen näherte. Sie saß mitten im St James‘ Park auf einer angerosteten Bank, deren grüne Farbe abblätterte. Seit sie am frühen Morgen in London angekommen war und in einem Hauseingang stoffliche Gestalt angenommen hatte, genoss sie das quirlige Leben um sich herum. London war stets eine Reise wert.
„Wie lange dauert es denn, bis wir da sind?“ Der Archivar flüsterte nun, allerdings klang er immer noch quengelig. Geduld schien für ihn ein Fremdwort zu sein. Dabei schlief er doch so gern. Man hätte meinen sollen, er würde sich einfach in Hopes Jackentasche zusammenrollen und ein Nickerchen machen. Aber vielleicht konnte er nur an seiner Stange hängend schlafen?
Hope schüttelte den Kopf, um die seltsamen Gedanken zu vertreiben. Was interessierten sie die Schlafgewohnheiten des Flederdrachens? Stattdessen sprang sie auf, breitete die Arme aus und drehte sich wie ein Brummkreisel um sich selbst. Es wurde Zeit, sich auf den Weg zu, Treffpunkt machen.

Während sie losstapfte knuffte sie den Archivar sanft in die Seite. „Nicht mehr lange“, flüsterte sie. „Aber ein kleines Stück Strecke ist es noch bis Covent Garden.“
„Dann nimm einen Wind, das geht schneller.“
Hope seufzte. „Hast du mir zugehört, als ich dir erklärt habe, was wir tun müssen, um nicht aufzufallen?“
„Schlüpfst du halt in deine ätherische Gestalt, da sieht dich doch keiner.“
„Prima Idee. Und so ein wie von Geisterhand herumschwebender Flederdrache fällt sicher nicht auf, nicht wahr? Du vergisst, dass du aus Fleisch und Blut bist und dass niemals einer dieser Menschen einen Flederdrachen zu Gesicht bekommen hat. Und nun halt die Klappe. Wir sind gleich beim Trafalgar Square.“
Zu Hopes Erstaunen schwieg der Archivar nach diesem Anranzer tatsächlich. Sie hielt kurz inne, winkte den Löwen zu und schickten einen stummen Gruß an Lord Nelson hoch oben auf seiner Säule. Doch sie verweilte nicht, sondern ließ sich von den Touristenmassen, die allgegenwärtig Londons Straßen bevölkerten, vorwärtsschieben. Eine ganze Weile schwamm sie so mit dem Strom, atmete Londons Luft und erschnupperte die Gerüche einer Stadt, die niemals schlief und in der zu jeder Tageszeit irgendjemand eine exotische Mahlzeit zubereitete.
Irgendwann passierten sie die U-Bahn-Station Covent Garden.
Hope blieb stehen. Sie war nicht zum ersten Mal in London und bei jedem ihrer Besuche hatte sie andere Stadtteile erkundet. Covent Garden gehörte zu ihren Lieblingsbezirken, vor allem der Teil rund um den Apple Market. Gleich gegenüber lag die kleine St Paul’s Church, die mit ihrem Säulenportal ein wenig an einen römischen Tempel erinnerte. Dorthin zog es jetzt.

Sie wandte sie sich in Richtung Themse, um das letzte Stück des Weges zurückzulegen. Und danach würde sie sich zum Treffpunkt aufmachen. Hoffentlich gab es in diesem Café einen guten Kaffee. Zu einem Kaffee sagte sie grundsätzlich nicht Nein. Sie wusste noch ganz genau, wie sie als neugeborene Windsbraut zum ersten Mal von Kaffee gehört hatte. Eine Freundin hatte ihr davon erzählt, ja geradezu vorgeschwärmt von dem Duft und dem Geschmack und der anregenden Wirkung einer guten Tasse Kaffee. Nun, da Hope sich wieder an ihr Leben als Mensch erinnerte, waren natürlich auch all ihre kulinarischen Erinnerungen zurückgekehrt. Damals jedoch, hatte sie gespannt ihrer ersten Tasse Kaffee entgegengefiebert.
Grundsätzlich mussten Windsbräute nicht trinken oder essen, um zu existieren. Als Luftgeister, die die meiste Zeit ihres Lebens in ihrer ätherischen Gestalt verbrachten, lebten sie allein vom Wind um sich herum. Wenn sie einmal etwas aßen oder tranken dann rein zum Genuss. Zumeist verzichtete Hope auf jegliche Speisen. Windsbräute verdauten Nahrung nicht wie Menschen, aber sie benötigten eine ruhige Ecke, in der sie unbeobachtet einmal den Wechsel aus ihrer stofflichen Gestalt in die ätherische und wieder zurück vornehmen konnten. Auf diese Weise verschwanden die Lebensmittel aus ihrem Körper. Nur bot sich nicht immer eine Gelegenheit für diesen Wechsel. Deshalb vermied es Hope, die stets zur Vereinfachung neigte, zu essen. Lediglich bei Erdbeeren und Kirschen machte sie regelmäßig eine Ausnahme. Dem verführerischen Duft dieser Früchte vermochte sie nicht zu widerstehen.

Nachdem Hope der kleinen Kirche einen Besuch abgestattet hatte, machte sie sich auf den Weg zum Treffpunkt. Nur wenige Straßenkreuzungen weiter erreichte sie das Café. Abrupt blieb Hope stehen. Rot-weiße Markisen leuchteten in der Sonne und die Fenster des Cafés waren derart einladend dekoriert, dass Hope unwillkürlich lächeln musste.
„Wow! Das ist hübsch“, entfuhr es ihr.
„Was? Wo? Ich kann nichts sehen.“ Der Flederdrache meldete sich wieder zu Wort und begann auch prompt wieder mit dem Rumgezappel.
Hope konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Wir sind da“, erklärte sie in strengem Ton. „Du letzten zwei Minuten wirst du nun auch noch die Klappe halten können.“
Der Archivar schwieg, hörte aber auf zu zappeln.
„Na geht doch“, murmelte Hope. „Dann wollen wir mal reingehen ins … Ihr Blick fiel auf das Schild über der Eingangstür „Wonderland Café’“, las sie vor.
Ein leises, verheißungsvolles Klingeln ertönte, als Hope die Tür öffnete. Innen offenbarte sich eine Art Vorraum, aus dem man rechts in eine offene, verglaste Backstube schauen konnte. Allein dieser Raum schon wirkte gemütlich, deutlich einladender jedoch war der Duft, der in der Luft lag. Eine Melange aus gemahlenen, röstfrischen Kaffeebohnen, fruchtiger Süße und dem leicht klebrigen Geruch von Hefeteig. Auf der Stelle lief Hope das Wasser im Mund zusammen.

Doch die Köstlichkeiten mussten warten, zunächst musste sie ihren Ansprechpartner finden, der ihr weitere Instruktionen geben würde. Sie hielt Ausschau nach dem jungen Mann, dem Vampir, von dem in dem Einladungsschreiben die Rede gewesen war. Irgendwo hier musste er herum springen, schließlich handelte es sich bei diesem Wonderland Café um seinen Arbeitsplatz, weshalb die Konferenz der Archivare auch dieses Jahr hier stattfand.
Jede übernatürliche Spezies hatte ihren eigenen Archivar, zumeist handelte es sich dabei um Flederdrachen, aber auch einige etwas größere Exemplare aus der Gattung der Drachen hatten ihre Berufung in der Aufgabe als Archivar gefunden. Jedes Jahr richtete eine andere übernatürliche Spezies die Konferenz aus. In diesem Jahr waren die Vampire an der Reihe und dieser Iwan hatte die Aufgabe übernommen, die Sache zu organisieren.
Hope verließ den Vorraum durch die Pendeltür und trat in den Wintergarten. Sie ließ sich an einem der weiß lackierten Holztische nieder und sah sich um. Wo nun genau sollte diese Konferenz stattfinden? Der Raum war viel zu klein und obendrein voller Menschen. Keine Spur von anderen Flederdrachen, dafür jedoch von Iwan, dem Vampir.
Wow! Mit dem schneeweißen Rüschenhemd und dem Zahnpastalächeln hätte er Cinderella beeindrucken können. Aus irgendeinem Grunde strahlte er so eine Art Traumprinzmentalität aus, bei der jeder Frau die Knie weich wurden. Allerdings wirkte er ein wenig blässlich. Hope grinste. Sie wusste warum, als Vampir mied er die Sonne. Seine bleiche Haut tat seine Attraktivität jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil sie bildete einen ausgezeichneten Kontrast zu seinen langen dunklen Haaren, die er zu einem Zopf zusammengebunden trug. Gerade bediente er einen jungen Mann, der an einem Tisch am Fenster saß und der kaum jünger wirkte als Iwan. Allerdings blickte Iwan auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Er war keineswegs 22 Jahre alt, wie er es vorgab zu sein, sondern lebte bereits seit einigen hundert Jahren. Er stammte aus dem Russland der Zarenzeit und war dort als Mensch nicht allzu alt geworden.

Dies stand natürlich nicht auf seiner Stirn tätowiert, sondern Hope hatte es in dem Exposé gelesen, dass der Einladung zur Konferenz beigefügt gewesen war. Alle Mitglieder des Organisationskomitees waren darin mit ausführlicher Vita vorgestellt worden.
Hope hob die Hand, um Iwan auf sich aufmerksam zu machen, doch dieser reagierte nicht. Vielmehr widmete er sich mit Inbrunst seinem Gast, ließ sein Lächeln aufblitzen und spielte mit seinen langen schmalen Fingern, an denen zahlreiche Ringe steckten, mit einer Haarsträhne.
Kokett, kokett, dachte Hope und grinste in sich hinein. Endlich blickte Iwan in ihre Richtung. Mit einem Wink gab er ihr zu verstehen, dass er gleich zu ihre kommen würde.
Als Iwan an den Tisch trat und Hope mit seinem strahlenden Lächeln bedachte, musste sie schlucken. Selbst sie, immerhin ebenfalls ein übernatürliches Wesen, konnte sich der Ausstrahlung des ohne Frage schönen Mannes nicht entziehen. Es dauerte einige Sekunden bis sie sich gefasst hatte und das weiche Gefühl in ihren Knien nachließ. Nur gut, dass sie saß und Iwan nichts von Ihrer Unsicherheit bemerkt hatte. Hoffentlich!
Hope räusperte sich. „Wir sind wegen der Konferenz hier“, sagte sie leise und klopfte sacht auf ihre Jackentasche. „Ich bringe einen der Teilnehmer. Wo muss ich denn hin?“
„Selbstverständlich kann ich Ihnen etwas Genussvolles empfehlen.“ Iwan sprach so laut, dass die umsitzenden Gäste ihn hören mussten. „Aber am besten sehen sie selbst. Darf ich Sie an unsere Kuchentheke bitten. Oder wissen Sie was? Für Sie mache ich eine Ausnahme. Kommen Sie, wir huschen einmal ganz unauffällig hintenrum in die Backstube.“

Einen kurzen Moment war Hope irritiert. Was redete er denn da? Sie hatte doch gar nicht nach einer Empfehlung gefragt. Dann ging ihr ein Licht auf. Natürlich, die Konferenz. Sie würde sicher nicht unmittelbar hier vor den Augen der menschlichen Gäste stattfinden.
Hope sprang auf und folgte Iwan durch die schmale Tür, die zu den Toiletten führte. Neben den beiden Eingängen für Damen und Herren befand sich eine dritte Tür auf der in goldenen Lettern das Wort ‚Privat‘ prangte. Iwan griff in seine Hosentasche und zog einen riesigen, goldenen Schlüssel hervor.
Was sollte das nun wieder? Dieser Schlüssel, der aussah als wäre er für die Eingangstür eines mittelalterlichen Schlosses bestimmt, passte auf keinen Fall in das moderne Türschloss. Sie wollte gerade nachfragen, als Iwan seine Hand gegen die Tür presste. Ein helles Licht flackerte auf und zwang Hope die Augen zu schließen. Als sie sie wieder aufschlug hatte sich die Tür vor ihr deutlich verändert. In dem immer noch normalen, handelsüblichen Türrahmen befand sich nun eine, alte aus groben Brettern gezimmerte Tür. Eiserne Bänder hielten die Dielen zusammen. Exakt in der Mitte, dort wo Iwan zuvor seine Hand hingelegt hatte, glänzte ein goldenes Schloss, in das Iwan nun den Schlüssel hineinführte. Es knirschte ein Mal, dann schwang die Tür nach Innen.
Dahinter wird sich kaum die Backstube befinden, dachte Hope. Dazu wäre der Aufwand auch wirklich zu groß. Sie schmunzelte, ließ den Vampir jedoch nicht an ihren Gedanken teilhaben.

„Bitte.“ Iwan legte seine Hand auf Hopes Rücken und schob sie sanft vorwärts. „Wir sollten hier nicht zu lange herumstehen. Wenn jemand zum Klo will, stehen wir hier ziemlich dämlich herum.“ Er grinste jungenhaft und zeigte dabei extrem niedliche Grübchen. In der Verbindung mit dem leichten Druck seiner Hand auf Hopes Schulterblatt drohten ihre Knie erneut ein wenig wackelig zu werden.
So etwas. Hope schüttelte innerlich mit dem Kopf und holte tief Luft. Dann tat sie zwei beherzte Schritte durch den Türrahmen hindurch.
Auf der anderen Seite schien ihr die Sonne ins Gesicht. Hope blickte sich um. Sie befanden sich auf einer saftigen, grüne Wiese, allerdings entdeckte sie unmittelbar unter ihren Füßen kein Gras. Ach nein, ausgerechnet in einen Kuhfladen musste sie hineinlatschen.
Hinter ihr fiel die schwere Holztür ins Schloss. Iwan blickte nun ebenfalls auf Hopes Schuhe und begann schallend zu lachen.
„Schick“, sagte er.
„Wahnsinnig lustig.“
„Nun komm schon.“ Ohne nachgefragt zu haben, war Iwan zum vertraulichen Du übergegangen. „So eine gestandene Frau wie du, wird doch mit ein bisschen Kuhdung fertig werden.“
„Windsbraut“, antwortete Hope. „Nicht Frau“. Sie transformierte in ihre ätherische Gestalt, schwebte ein Stück vorwärts, fort von dem braunen Fleck im Gras, und wandelte sich zurück in ihre feste Form. „Voila“, präsentierte sie ihr nun wieder sauberes Schuhwerk. „Ein Kinderspiel für Windsbräute.“ Sie hob das Kinn und bedachte Iwan mit einem herausfordernden Blick.
Iwan schenkte ihr sein strahlendes Lächeln und wollte gerade etwas erwidern, als der Flederdrache in Hopes Jackentasche zu zappeln begann. „Himmel, könnt ihr euren Flirt auf ein anderes Mal verschieben und mich endlich hier herauslassen. Das ist ja nicht auszuhalten“, zeterte er mit seiner krächzenden Stimme.
Ups, vor lauter Geplänkel mit dem hübschen Vampir hätte Hope beinahe ihren geflügelten Begleiter vergessen. Sie steckte die Hand in die Tasche und tastete nach dem Archivar.
„Au, pass doch auf.“
„Hör auf zu zappeln und stell dich nicht an wie ein Mädchen.“ Manchmal nervte der Flederdrache mit seinem Getue wirklich sehr. Hope schüttelte den Kopf. Dann bekam sie den kleinen Drachen endlich zu packen. Vorsichtig schloss sie die Hand um seinen Körper und zog ihn aus der Tasche. „Darf ich vorstellen. Archiv, der Archivar der Windsbräute, beheimatet in den geheimen Kellern von Rihalimon, Wolkenschloss und Heimat aller fertig ausgebildeten Windsbräute.
„Archiv?“ Iwan runzelte die blasse Stirn. „Mit dem Namen werdet ihr aber bei einer Konferenz der Archivare nicht weit kommen.“
„Bei den Gewitterstürmen.“ Der Flederdrache klang herablassen. „Natürlich habe ich einen anderen Namen, aber ihr beide seid kaum in der Lage ihn auszusprechen. Unter meinesgleichen wird dies jedoch kein Problem sein.“
„Benimm dich!“ Hope hatte immer noch ihre Hand um den Drachen geschlossen und schüttelte ihn jetzt ein wenig. Sie wandte sich Iwan zu. „Wie geht es jetzt weiter?“, fragte sie.

Der Vampir zeigte auf eine Art Insel inmitten der Wiese, ein Hain von jungen Birken. Hope kniff die Augen zusammen. Tatsächlich unter den Bäumen bewegte sich etwas. Dort musste die Zusammenkunft stattfinden.
Der Flederdrache zappelte in ihrer Hand. „Ist ja gut“, sagte Hope und setzte den Archivar auf ihre Schulter. „Wir gehen ja.“
Schon nach wenigen Minuten erreichten sie den äußeren Ring der Bäume und bald darauf betraten sie eine sonnenbeschienene Lichtung im Zentrum des Hains.
Hope sah sich um. Es handelte sich nicht um eine gewöhnliche Lichtung, zwar schien sie naturgewachsen zu sein, aber irgendjemand hatte zusätzlich Hand angelegt und sie regelrecht eingerichtet. Baumstämme mit eingekerbten Sitzflächen lagen ordentlich aufgereiht um den Platz herum. Aus der inneren Baumreihe ragten jeweils kleine Äste wie Stangen heraus, auf denen bereits zahlreiche Flederdrachen Platz genommen hatten. In der Mitte des Platzes stand eine Art Rednerpult, das ebenfalls mit einer Stange versehen war. Um das Pult herum standen eine Reihe unterschiedlichster Wesen, eines jedoch hatten sie alle gemeinsam: Sie gehörten der Oberspezies der Drachen an. Zwar waren die kleinen Flederdrachen, die wie eine Mischung aus Fledermaus und Minidrachen aussahen, in der Überzahl, aber es gab auch weitaus größere Exemplare und nicht alle waren geflügelt. Auch in ihren Farben unterschieden sie sich voneinander. Es gab bläulich schimmernde Flussdrachen, gründe Meeresdrachen von einer beachtlichen Größe, braune Erddrachen und leuchtend rote Feuerdrachen. Nur einen der wolkenweißen Luftdrachen konnte Hope nicht entdecken. Kein Wunder, galten sie doch aus ausgestorben.
An einer Seite der Lichtung entdeckte Hope eine lange Tafel, auf der sich Bücher, Schriftrollen aller Art – von Papyrus bis Pergament, Zeitschriften und Zeitungen, aber auch lose Blätter stapelten.
„Ah“, rief Archiv. „Das Buffet. Endlich gibt es etwas zu Essen, ich habe schrecklichen Hunger.“ Er flattere von Hopes Schulter, drehte eine Runde über die Papierberge und schnappte sich schließlich eine Pergamentrolle. „Ich fange erst einmal mit einer kleinen Vorspeise an“, erklärte er, als er sich auf einem nahegelegenen Stangenast niederließ und an der Rolle zu knabbern begann.
Ein Räuspern riss Hope aus ihren Beobachtungen. Sie wandte sich um und sah sich einem manngroßen Feuerdrachen gegenüber. In seinen Augen loderten kleine Flammen und seine Haut dampfte vor Hitze. Instinktiv trat Hope einen Schritt zurück. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass auch Iwan auf Abstand gegangen war.
„Ihr seid hier unerwünscht.“ Die Stimme des Feuerdrachens klang tief, doch es lag das Knistern eines Feuers darin. Aus seinem Maul drangen kleine Rauchwölkchen.
„Oh, wir wollen nicht stören.“ Hope hob abwehrend die Hände.
Iwan schien unbeeindruckt. „Mäßigen Sie sich“, stieß er aus.
Die Rauchwolken aus dem Maul des Drachens wurden größer. Ein einzelne Flamme züngelte aus seinem Mundwinkel. „Was erlaubst du dir, Unwürdiger?“
„Unwürdiger?“ Iwans Stimme donnerte über die Lichtung. Erschrocken blickte Hope auf. Der Drache hatte ihr einen gehörigen Schreck eingejagt. Sie hätte sich gern zurückgezogen, schließlich mussten sie nicht hier sein, sie hatten doch lediglich den Flederdrachen gebracht und könnten nun einfach ins Wonderland-Café zurückkehren, um auf das Ende der Konferenz zu warten. Doch Iwan schien andere Pläne zu verfolgen. Statt klein bei zu geben, starrte er den Feuerdrachen wütend an. Gleichzeitig veränderte er sich. Er schien zu wachsen, wenn er auch nicht an Körpergröße zulegte, so doch seine Aura, die von Atem zu Atemzug an Dichte und Komplexität zunahm. Nicht nur der Feuerdrache wirkte beeindruckt. Auch Hope schluckte mehrfach gegen die aufsteigende Angst an. Iwan, mit dem sie gerade noch geflirtet hatte, verwandelte sich vor ihren Augen in eine Ehrfurcht gebietende Gestalt, vor der man besser erzitterte, wollte man von ihrer Macht nicht hinfort gefegt werden.
„Meine Herrschaften, meine Herrschaften!“ Eine grün-blaue Gestalt drängte sich hektisch durch die umstehenden Drachen. „Bitte beruhigen Sie sich.“ Er – es schien sich um ein männliches Wesen zu handeln, zumindest wies sein Körperbau darauf hin – fuchtelte mit den Händen, während er mit seiner Fistelstimme, die sich vor lauter Aufregung mehrfach überschlug, einen tragische Seufzer nach dem anderen von sich gab. Schließlich blieb er vor dem Feuerdrachen stehen. Zu Hopes Erstaunen baute er sich vor dem wütenden Drachen auf und zeigte keinerlei Angst, vielmehr seufzte er abermals abgrundtief, ehe er tief Luft holte, als wollte er zu einer längeren Rede ansetzen. „Es ist doch jedes Mal das Gleiche. Immer und immer wieder habe ich es dir gesagt. Benimm dich, habe ich gesagt, halte dich von anderen Rassen fern, sei höflich. Und? Was tust du stattdessen? Jahr für Jahr, egal wo die Konferenz stattfindet, egal, wer sie ausrichtet, du benimmst dich wie eine Flamme in einer Scheune. Und wenn ich nicht permanent aufpasse, setzt du das Heu in Brand. Muss das denn sein?“

Der Drache senkte den Kopf und … Hope konnte es kaum fassen. Das eben noch bedrohlich vor ihr aufragende Vieh wirkte mit einem Mal kleinlaut und regelrecht zerknirscht. Wie ein gescholtenes Kind. „Es tut mir leid“, murmelte er.
„Wie bitte? Wir können dich nicht hören. Der ehrenwerte Iwan, Getreuer des Zaren und seines Zeichens als Abgesandter des Vampirclans Londons hier anwesend, kann dich nicht hören. Sprich lauter, Krümelchen.“
Krümelchen? Hope hätte sich beinahe verschluckt. Dieser riesige, leuchtend rote Feuerdrache hieß Krümelchen? Sie wechselte einen Blick mit Iwan, der sich auf die Lippen biss. Wohl um ein Grinsen zu vermeiden. Auch Hope kämpfte dagegen an, laut herauszulachen. Krümelchen. Sowas!
„Also“, forderte der blau-grüne Kerl Krümelchen erneut auf. „Deine Mutter hat mich mitgeschickt, um auf dich Acht zu geben. Und das gedenke ich zu tun. Los, laut und deutlich. Entschuldige dich.“
Hope betrachtete das Wesen, das offensichtlich eine Art Kindermädchen für Feuerdrachen darstellte, genauer. Er war beinahe nackt, trug lediglich eine Art Lendenschurz aus bläulichem Leder. Doch seine spärliche Bekleidung fiel auf den ersten Blick nicht auf, vielmehr wirkte seine Haut, die in allerlei Blau- und Grüntönen changierte, wie ein engsitzender Kampfanzug, nur dass es sich eben nicht um das traditionelle Camouflage der Soldaten in Khaki- und Brauntönen handelte. Unter der Haut sah man das Spiel seiner Muskeln, er trug ein beachtliches Sixpack mit sich herum, so eines wie es sich Hope bei Iwan vorstellte. Ihm würde das ausgezeichnet stehen und wer wusste schon, was Iwan unter seinem weiten Rüschenhemd so alles zu bieten hatte.
So sexy wie das Sixpack bei Iwan wirken würde, so unsexy erschien es Hope bei dem Grünblauen. Das lag allerdings nicht an den Muskeln, sondern an dem Rest seines Aussehens. Er war groß – regelrecht lang – und dabei sehr dünn, fast schon ausgemergelt, bis auf die Muskeln überall an seinem Körper. Seine Füße waren riesig und behaart wie bei einem Hobbit. Und sein Gesicht … Hope wusste nicht, wie sie es beschreiben sollte, würde sie jemand danach fragen. Irgendwie … unnatürlich. So als hätte man ein paar Spezies in einen Cocktailmixer gepackt, tüchtig durchgeschüttelt und herausgekommen war dann der Grünblaue. Schrägstehende Augen, über die hin und wieder eine Nickhaut zuckte, eine Nase, die von einem Kaninchen stammen könnte, ein sehr breiter Mund mit kaum vorhandenen Lippen und dazu eine gewölbte Stirn wie ein Neandertaler und keine Haare. Und das alles in Grün-blau. Einen wie ihn hatte Hope nie zuvor gesehen.
„Verzeihen Sie bitte.“ Krümelchen hatte sich endlich zu einer deutlich verständlichen Entschuldigung durchgerungen.

„Gut so“, lobte der Grünblaue den Feuerdrachen. „Und nun geh zu deinen Freunden, hast du schon die Köstlichkeiten am Buffet probiert? Es gibt ein paar Spezialitäten, die dich entzücken werden: Mit lila Tinte überbackene Honigpapyri zum Beispiel. Voll mit dem Wissen der alten Ägypter. Und hinten links findest du mit Runen gespicktes Bananenblattwissen.“ Er winkte dem Drachen zu gehen und wandte sich Hope und Iwan zu. „Sie müssen dem Kleinen vergeben, er ist noch sehr jung und bedauerlicherweise hält sich seine Spezies seit Anbeginn der Zeit für die Krone der Schöpfung. Na ja, sie wissen ja, Bewahre des Wissens, Archivare der verschiedenen Spezies, und so weiter, und so weiter. Und bei den Feuerdrachen ist es mit dem Standesdünkel besonders ausgeprägt.“
„Aha.“ Hope wusste nicht, was sie erwidern sollte. Zwar wusste sie, seit sie dem Flederdrachen in den Tiefen des Wolkenschlosses zum ersten Mal begegnet war, dass Drachen sich keineswegs von Jungfrauen ernährten, sondern von Wissen, das sie in allen erdenklichen Formen aufnahmen. Am liebsten aber verspeisten sie es, indem sie Bücher, Schriftrollen und alles aus Papier oder papierähnlichen Materialien einfach zerkauten und verdauten, ehe es dann in ihrem Körper irgendwo archiviert wurde. Wie genau dieser Prozess funktionierte, wusste Hope nicht, sie wusste nur, dass es funktionierte, denn sie hatte schon oft auf das archivierte Wissen des Flederdrachens zurückgreifen müssen, um ihre Aufgaben als Windsbraut bewältigen zu können. Auf der anderen Seite hatte sie nicht die geringste Ahnung gehabt, wie viele Drachenarten es gab und dass es nicht nur Flederdrachen waren, die sich als Archivare betätigten. Feuerdrachen und Papier, auf diese Idee musste man erst mal kommen.
„Ich bin Kiwel“, stellte sich der Grünblaue vor. Und ich arbeite für Krümelchens Eltern, eigentlich als Zeremonienmeister an ihrem Hof, aber manchmal“, er seufzte, „halsen sie mir den Kronprinzen auf. Er soll einen anständigen Archivar abgegeben können, auch wenn er später selbst der König der Feuerdrachen werden wird. Wie das mal werden wird?“ Er seufzte erneut. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken holen lassen?“, fragte er mit einer kleinen Verbeugung.
„Nein danke.“ Iwan schüttelte den Kopf. „Ich denke wir sollten gehen. Für die Konferenz werden wir nicht gebraucht und ich muss langsam wieder nach vorn, es sind noch nicht alle Gäste eingetroffen und nur ich kann den Durchgang von der anderen Seite aus öffnen.“ Er ergriff Hopes Hand. „Möchtest du mich begleiten?“ Seine Stimme klang weich, genauso weich wie seine Hände und der Blick mit dem er Hope bedachte.
Hope rang um eine Antwort. Für einen kurzen Moment nahm ihr seine Nähe den Atem. Ob alle Vampire so auf weibliche Wesen wirkten? Sie spürte einen Schauer, der sich mit spitzen Fingern ihre Wirbelsäule entlangtastete. Dann schüttelte sie sich, um den Bann abzustreifen. „Ja, ich komme mit. Ich werde hier nicht gebraucht und störe wahrscheinlich nur. Wer weiß, wie die anderen Drachen auf eine Windsbraut reagieren.“ Sie versuchte zu grinsen und dabei unbeschwert zu wirken. „Im Café ist es außerdem gemütlicher und ich stehe nicht so auf Papier. Ein ordentliches Stück Kuchen wäre mir viel lieber. Oder ein Smoothie.“

„Ich werde mich gut um dich kümmern.“ Iwans Zähne blitzten auf, als er ihr sein strahlendes Lächeln schenkte.
Hope versuchte die Zwischentöne zu ignorieren und nur auf den Sinn der Worte einzugehen. „Das ist deine Aufgabe als Kellner.“
Iwan lachte, dann zog er Hope hinter sich her, zurück durch das Wäldchen, über die Wiese und durch die Tür, die kaum, dass sie sich hinter den beiden geschlossen hatte, wieder wie eine ganz normale, handelsübliche Tür aus der Neuzeit aussah.
Im Wonderland-Café angekommen, führte er hob zu einem Zwei-Personen Tisch am Fenster und drückte sie sanft auf den Stuhl. „Ich mach das schon, bleib du einfach hier sitzen. Ich bin gleich wieder da.“ Er sah sich suchend im Raum um. Hope folgte seinem Blick. Niemand regte sich, anscheinend waren noch keine weiteren Konferenz-Teilnehmer eingetroffen.
Es dauerte nicht lange, bis Iwan zurückkehrte. In der Hand hielt er ein hohes Glas, dessen Inhalt unten rot und oben weiß war. Zwei dicke Strohhalme und ein langer Löffel standen darin und eine halbierte Erdbeere saß auf dem Rand des Glases. Interessiert musterte Hope das Getränk.
„I proudly present: The ultimate Peanutbutter Strawberry Milkshake. Gesund, sättigend und unfassbar köstlich.“ Er tunkte den Zeigefinger in das Glas, steckte ihn in den Mund und schleckte ihn mit einem lasziven Grinsen ab, während er Hope nicht aus den Augen ließ.

Peanutbutter Strawberry MilkshakeIwan und stellte das Glas in die Mitte des Tisches, ehe er sich den Stuhl gegenüber schnappte und ihn mit einem kräftigen Ruck um den Tisch herumzog. Er nahm rittlings darauf Platz und rückte noch ein wenig näher an Hope heran. „Du teilst deinen Shake doch mit mir?“, fragte er mit rauer Stimme.
Hope schwieg vorsichtshalber. So langsam wurde ihr dieser Flirt unheimlich. Sie hatte noch nie mit einem Vampir … zudem mit einem derart alten, erfahrenen … Es fiel ihr generell nicht leicht, Dinge einfach zuzulassen. Sich auf Iwan einzulassen, würde einen Kontrollverlust bedeuten, der für Hope nicht vorstellbar war. Einen Moment lang dachte Hope darüber nach, zu fliehen, das zugegeben sehr gemütliche Café einfach Hals über Kopf zu verlassen, den Milchshake, egal wie köstlich er duftete zu verschmähen, nur um aus dem Dunstkreis dieses charismatischen Vampirs zu verschwinden.
In diesem Augenblick fiel ihr der Archivar wieder ein. Sie hätte den Flederdrachen beinahe vergessen, vor lauter charmesprühendem Iwan. Sie hatte sich nicht einmal verabschiedet, als sie die Lichtung verlassen hatten. Aber das machte ihm sicher nichts aus, mit Höflichkeiten hielt sich der Archivar des Wolkenschlosses sowieso nur selten auf. Wie auch immer, sie konnte hier nicht weg.
Hope straffte die Schultern, griff nach einem der beiden Strohhalme und nahm einen großen Schluck. Wow! Beinahe wäre ihr ein Seufzer entfleucht, so köstlich schmeckte das Zeug. Diese Mischung aus Erdbeeren, Milch und Erdnussbutter. Hope hätte sich darin wälzen können. Verzückt sah sie Iwan an, der ihr ein wissendes Lächeln schenkte.
„Wo waren wir noch gleich stehen geblieben?“, fragte er, ehe er eine Hand auf ihren Schenkel sinken ließ. Mit der anderen Hand schnappte er sich den zweiten Strohhalm, legte seine Wange an Hopes Wange und trank ebenfalls einen Schluck. „Aaah“, stieß er aus.
Hope zögerte einen Moment. Weglaufen? Sitzen bleiben? Weglaufen? Sitzen bleiben? Was sollte sie nur tun? Schließlich ließ sie die Luft durch die Zähne zischen. Bis die Konferenz endete, würde sie wohl oder übel hierbleiben müssen. Hier bei Iwan und seiner Ausstrahlung, die sich wie ein Mantel um sie legte und all ihre Gedanken blockierte. Außer der einen Frage, die sie sich immer und immer wieder stellte.
Ob sich unter diesem schneeweißen Rüschenhemd tatsächlich ein Sixpack befände? Vielleicht würde sie es ja bald erfahren. Doch zuerst brauchte sie etwas anderes. Sie hob die Hand und winkte der mürrischen Blondine zu, die neben Iwan für das Wohl der Gäste zuständig war.
„Noch so einen köstlichen Peanutbutter Strawberry Milkshake“, rief sie durch den Raum. „Mit zwei Strohhalmen, bitte.“

Diesmal gab es in der Geschichte ein super leckeres Getränk mit Hafermilch, Erdbeeren und Erdnussbutter. Mmmmh. Perfekt für einen langen Tag am Schreibtisch und für mich zumindest ein guter Ersatz für sonstigen Süßkram.

Zutaten:

250 ml Hafermilch
1 Banane
4 TL Erdnussbutter
10 Erdbeeren (frisch oder gefroren)
Etwas Zitronensaft

Zubereitung:

Erdbeeren (evtl. auftauen lassen) mit der Gabel zerdrücken. Etwas Zitronensaft darüber geben.
Hafermilch, Banane und Erdnussbutter im Mixer vermengen. Sehr langsam auf die Erdbeermasse schütten, damit die beiden Flüssigkeiten schön marmorieren.

Ich mag Milch, aber in solchen Getränken kann man meiner Ansicht nach sehr gut eine Pflanzenmilch als Ersatz nehmen. Probier es mal aus!

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