Duft der Vergangenheit von Christina Wermescher

Kaum dass die Dämmerung hereingebrochen war, zog es Olivia hinaus auf die Straßen Londons. Schon seit Stunden war sie ungeduldig im Hotelzimmer auf- und ab getigert und hatte mit gebührendem Sicherheitsabstand sehnsüchtige Blicke zu dem kleinen Spalt der Jalousie geworfen. Sie hatte ihn extra offengelassen, weil sie den Beginn der Nacht auf keinen Fall verpassen wollte.
Schnell hauchte sie Ludger einen Kuss auf die Wange, warf sich ihren Mantel über und strebte durch die breiten Gänge des luxuriösen Hotels in Richtung der Lobby. Schon durch die großen Glastüren sah sie das Schneetreiben, und als sie hinaustrat, liebkosten sogleich zahlreiche Flocken ihr Gesicht. Sie lächelte in den Himmel und atmete tief die kalte Luft ihrer alten Heimat ein.
Wenige Straßen später tat sich der Trafalgar Square vor ihr auf. Olivia blieb stehen und ließ ihren Blick überwältigt über den Platz gleiten. Nirgendwo sonst auf der Welt wurde ihr deutlicher bewusst, welchen Wandel die Zeit mit sich brachte, und wie alt sie trotz ihres jugendlichen Aussehens schon war. Sie erinnerte sich an das Geklapper der Pferdehufe und den Duft von Sammys warmer Haut. Lange bevor dieser Platz in sein monumentales Kleid geschlüpft war, hatte sie hier einst ihren ersten Kuss bekommen. Und bei dem Gedanken daran berührte sie kurz mit den Fingerspitzen ihre lächelnden Lippen.
Doch sie trauerte der alten Zeit nicht nach. Im Gegenteil, sie liebte Ludger und ihr Leben, das durch ihn ein völlig anderes geworden war. Das einzige, wonach sie sich schmerzlich zurücksehnte, war Granny May. Gedankenverloren streichelte sie einen der mächtigen bronzenen Löwen den Kopf. Ihre Hände hinterließen flüchtige Spuren im Schnee, der sich sanft über dessen Mähne gelegt hatte.
Wie von selbst trugen sie ihre Füße weiter in Richtung Nordosten, als würde ein starker Magnet in Covent Garden stehen und sie in seinen Bann ziehen. Olivia liebte es, durch die Markthallen dort zu schlendern, doch ihr erster Weg führte sie stets zu einem schlichten Haus, das dort seit Jahrhunderten stand und der Zeit trotzte wie ein Fels den Gezeiten. Das Viertel beherbergte inzwischen zahlreiche Restaurants und Bars, sodass es Olivia nicht verwunderte, dass auch in ihrem alten Haus inzwischen ein Café eingezogen war. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite blieb sie stehen und betrachtete liebevoll den alten Sandsteinbau, in dem sie einst mit Granny May gewohnt hatte. „Wonderland-Café“ prangte nun in altmodischer Schrift auf einem Metallschild über dem Eingang, und in den erleuchteten Fenstern erblickte sie ein Pärchen, das bei dampfenden Tassen und gut gefüllten Tellern an einem Stehtisch plauschte. Vor ihrem geistigen Auge sah sie Granny an die Tür kommen und ihr zuwinken, und ihr Herz verkrampfte sich schmerzhaft.
Da spürte sie plötzlich einen intensiven Blick. Er gehörte zu einem jungen Mann, der aus einem der Fenster zu ihr heraus sah. Durch das Schneegestöber erkannte sie ihn nur undeutlich, doch spürte sie sofort, dass er kein Mensch war. Er war wie sie. Irritiert überquerte sie die Straße.
Als Olivia die Tür zum Café öffnete, strauchelte sie und hielt sich schwer atmend am Türknauf fest. Die Wärme nach dem verschneiten Winterspaziergang und vor allem dieser Duft nach Geborgenheit, schlugen ihr mit solch einer Wucht ins Gesicht, dass sie meinte, das Tor zu einer anderen Welt hätte sich aufgetan. Zaghaft sog sie die Luft ein, und die Erinnerung an Granny wurde nahezu greifbar.
Da tauchte wie aus dem Nichts der junge Vampir vor ihr auf. „Guten Abend! Mein Name ist Iwan. Wir haben noch einen freien Tisch. Ich begleite Sie hin.“ Höflich bot er ihr einen Arm, doch seine Augen schienen äußerst wachsam. Er führte sie in den angrenzenden Wintergarten, der das Herzstück des Cafés zu sein schien. Bewundernd sah Olivia sich um. Der gläserne Anbau hatte zu ihrer Zeit hier noch nicht existiert. Das nächtliche Schneegestöber vor den Scheiben bildete einen wohligen Kontrast zu dem sanften Licht, das die cremeweißen Schirme mehrerer Stehlampen verströmten, und machte das Café noch gemütlicher.
Iwan brachte sie zu einem Tisch, der direkt vor einer Vitrine mit Gläsern voll selbst gemachter Marmelade stand. Nun hätte es Olivia endgültig nicht mehr verwundert, wenn ihre Granny aufgetaucht wäre. Ob sie womöglich als Geist noch in der Küche herumspukte und Marmelade einkochte?
Überwältigt ließ sie sich auf den Stuhl fallen, den Iwan ihr zurückgezogen hatte. Wieder traf sie sein taxierender Blick.
„Nach was riecht es hier?“ Sie wurde das Gefühl nicht los, den Geruch ihrer Kindheit in der Nase zu haben. Ivan runzelte die Stirn.
„Nun ja, dies ist ein Café. Also vermutlich nach Gebäck, Tee und Kaffee.“
Olivia schnüffelte unter den kritischen Augen des Kellners in die Luft.
„Reden Sie keinen Unsinn.“, sagte sie barsch, was Ivans Augenbraue augenblicklich nach oben schnellen ließ.
„Ist das etwa Anis?“
Inzwischen schaute der Kellner sie an, als zweifle er an ihrem Verstand.
„Das ist durchaus möglich. Wahrscheinlich sprechen Sie von unseren Aniskeksen. Die müssten gerade frisch aus dem Ofen gekommen sein.“
„Bringen Sie mir einen Teller.“
Ein großes Fragezeichen schlich sich in Iwans Blick.
„Sind Sie sicher?“
Nun verstand Olivia endlich des Kellners Zurückhaltung. Auch er hatte sie wohl längst als Seinesgleichen identifiziert und wusste daher nur zu genau, dass menschliches Essen ihr ganz und gar nicht bekam.
„Ich bin sicher, danke.“, erklärte sie bestimmt.
Ivan verschwand achselzuckend und kehrte nur wenige Minuten später wieder zurück. Als er den Teller auf den Tisch stellte, fielen Olivia die vielen historisch anmutenden Ringe an seinen Fingern auf. Sie bezweifelte, dass er sich die Stücke aus einem Antiquitätenladen geholt hatte. Wahrscheinlich hatte er ähnlich viele Jahre auf dem Buckel wie sie selbst.
Olivia schaute sich die Aniskekse an, als seien es Fotos aus einem Familienalbum. Jeden Sonntag hatte Granny Gewürzkuchen gebacken, und der hatte ganz genauso gerochen. Olivia beugte sich über den Teller und atmete den Duft ein. Sie spürte, wie sich eine Träne ihren Weg durch ihre geschlossenen Lider bahnte und den Augenwinkel verließ. Mochte sie in ihrem neuen Leben noch so tough sein, in ihrem alten war sie es nicht gewesen. Und der Anisduft weckte so viele Erinnerungen an dieses alte Leben, egal wie lange es bereits zurücklag.
„Wusste ich doch, dass ich dich hier finde!“
Olivia schrak hoch und blickte in Ludgers schwarze Augen. Eine Mischung aus Belustigung und Mitleid spiegelte sich in seinen Zügen. Sofort hatte sie das Gefühl sich rechtfertigen zu müssen.
„Liebes, erinnerst du dich, als du das letzte Mal in einer nostalgischen Phase stecktest und eine Anisbreze gegessen hast?“
Olivia presste betreten die Lippen aufeinander, doch Ludger beugte sich versöhnlich zu ihr herüber.
„Wenn es dir das wert ist, dann tu es. Ich werde dir wieder die Haare zurückhalten und für dich da sein, während du das Gebäck Stück für Stück in die nächste Toilette würgst. Aber wäre es nicht viel schöner, wir würden einen Spaziergang an der Themse machen und uns etwas Leckeres suchen, das unserem Wesen eher entspricht?“ Bei den letzten Worten fuhr er sich genüsslich mit der Zunge über den linken Eckzahn.
„Ich wollte nur mal riechen.“, flüsterte Olivia entschuldigend und ließ sich von Ludger Richtung Ausgang ziehen, nachdem er einen Geldschein auf den Teller mit den Keksen geworfen hatte. Dort wartete auch schon Iwan auf sie und hielt den beiden die Türe auf. Im Hinausgehen spürte sie eine kurze Berührung an ihrer Manteltasche. Sie begegnete Iwans Blick und legte behutsam die Hand auf die Tasche wie ein Kind, dem man ein Geldstück zugesteckt hatte. Durch den Wollstoff des Mantels spürte sie die Kontur des Aniskekses und ein dankbares Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Diese und weitere Vampirgeschichten gibt es ab Herbst 2019 in der neuen Anthologie des Brighton Verlags.

 

Ich liebe Aniskekse, allerdings hab ich sie bisher noch nie selbst gebacken.
Der Duft ist wunderbar, doch ich fand sie optisch ein bisschen unscheinbar. Mailie kam auf den Gedanken, die restliche Schokolade vom Schokokuchen von letzter Woche zu verwenden, um ihnen wenigstens ein bisschen Farbe zu verleihen. Und jetzt finde ich sie hübsch und lecker.

Hier ist das Rezept:

Zutaten für 40 Portionen

3 Eier
250 g Staubzucker
250 g Mehl
1 EL Anis, gemahlen

Ei und Staubzucker für einige Minuten schaumig schlagen. Anis und Mehl nach und nach untermischen und ca. 15 Minuten gut verrühren.

Ein Backblech mit Backpapier belegen und die Masse, mithilfe von einem Löffel, in kleinen Häufchen auf das Blech setzen.

Die Kekse einige Stunden am Backblech (bei Zimmertemperatur) antrocknen lassen und anschließend im vorgeheiztem Backofen (bei 160 Grad) für ca. 20-25 Minuten backen.

Viel Spaß beim Nachbacken!

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