Marika von C.K.Zille

Mit unruhigen Fingern schob Marika die Nussschalen übereinander. Sie stand schon eine halbe Ewigkeit auf der Straße und beobachtete das gut besuchte Café auf der gegenüberliegenden Seite. „Wonderland Café“ wurde es von den Menschen dieser Stadt genannt und man schwärmte in höchsten Tönen von der Backkunst der Besitzerin. Zwei Kellner bedienten an diesem Tag die Besucher, die beinahe jeden der Tische besetzt hatten.

Zögerlich trat das kleine Mädchen in das Café und ihr Blick blieb automatisch an den Backwaren in der Auslage hängen. So viele tolle Leckereien, von denen sie sich nicht eine einzige leisten konnte. Doch hier waren viele Menschen, von denen Marika, mit ihren geschickten Fingern, gewiss die ein oder andere Münze stibitzen konnte.

Ihre großen grünen Kinderaugen suchten strategisch den Raum ab. Eine Frau stand in der Schlange und hatte ihre Handtasche bereits geöffnet. Durch ein Gespräch mit einer anderen Kundin war sie so abgelenkt, dass es Marika nicht schwerfiel, die Geldbörse herauszuziehen. Schnell zog sie einen der Scheine heraus und hielt der Frau dann die Brieftasche entgegen.
„Entschuldigen Sie, die ist Ihnen gerade runtergefallen.“ Mit einem lieblichen Lächeln ließ sie sich von der Frau dankend den Kopf tätscheln und verschwand dann mit schnellen Schritten nach hinten in den Wintergarten.
Sie schlug den Weg rechts ein, vorbei an einem wunderschönen Sofa in die hinterste Ecke. Vor einer hübsch dekorierten Vitrine befand sich ein kleiner Tisch, der gerade frei wurde. Marika setzte sich sogleich an diesen, schob die benutzten Tassen an den Rand, und legte ihre drei Nussschalen vor sich ab.

Von einer der unbenutzten Servietten, die noch auf dem Tisch lagen, riss sie ein Stück ab und formte daraus eine kleine Papierkugel, die sie unter eine der Nussschalen legte. Dann übte sie den Trick, den sie schon sooft bei einem der Straßenkünstler beobachtet hatte. Sie hatte ganz genau gesehen, wie es funktionierte. Eine kleine Kugel verschwand unter einem von drei Bechern, diese wurden gemischt und dann musste man erraten, unter welchem der Becher die Kugel lag. Ständig lagen die Menschen falsch und der Mann, der den Trick machte, verdiente viel Geld damit. Das wollte sie auch können. Auf dem steinigen Straßenboden konnte sie nicht üben. Sie benötigte eine glatte Oberfläche, einen Tisch.

Als Marika die Papierkugel zum dritten Mal vom Boden aufhob stand eine Frau vor ihrem Tisch. Erschrocken erstarrte sie, doch die blonde Kellnerin, mit dem faszinierenden Piercing in der Nase, schmunzelte bloß. „Bist du alleine hier?“
Marika wurde nervös. Stets wurde sie vertrieben, wenn sie alleine war, denn sie besaß kein Geld. Normalerweise.
„Ähm, nein, ich warte auf meine Mutter, sie hat auf der Straße eine Freundin getroffen und kommt gleich nach.“ Das Lügen fiel ihr mittlerweile nicht mehr schwer. Ein zaghaftes Lächeln und schon glaubte man ihr.
Doch nicht die Kellnerin. Marika war sich sicher, dass sie kein normaler Mensch war, doch ihre Sinne waren noch nicht ausgeprägt genug, um die Gerüche der unterschiedlichen Wesen unterscheiden zu können. Ein musternder Blick traf sie, doch auch wenn sie die Lüge nicht zu glauben schien, nickte sie langsam. „Kann ich dir schon etwas bringen?“
„Nein, ich äh …“ Sollte sie ihr gerade geklautes Geld direkt wieder ausgeben? Eigentlich war sie nur hierhergekommen, um den Tisch zum Üben zu benutzen. Die Aussicht auf eine der süßen Speisen, die sie vorhin gesehen hatte, ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Vielleicht sollte sie doch etwas essen, später konnte sie im Getümmel untertauchen und gar nicht bezahlen, wenn es weiterhin so voll in dem Café blieb. „Was können Sie denn empfehlen?“ Die Worte sprudelten aus ihr heraus, bevor sie einen ausgefeilte Plan entwickeln konnte.
„Ich glaube, ich habe genau das Richtige für dich.“ Mit einem Zwinkern stapelte die Frau das dreckige Geschirr und wandte sich wieder ab.

Marika schlug sich die Hand gegen die Stirn. So ein Mist, hoffentlich kam sie da wieder raus. Das Geld wollte sie eigentlich für etwas Wichtiges aufbewahren und nicht für eine Süßigkeit, die sie sich gar nicht leisten konnte. Sollte sie jetzt sofort gehen? Aber draußen war es kalt, ihr zierlicher Körper verharrte auf dem kleinen Stuhl, und ließ sich nicht zum Aufstehen bewegen.

Etliche Minuten verstrichen, dann lenkte das Mädchen sich wieder mit dem ab, wofür es hergekommen war. Die flinken Hände schoben die Nussschalen über den Tisch, doch die Papierkugel wollte einfach nicht den Weg zwischen ihre Finger finden, um zu verschwinden. Ständig rollte sie vorbei, oder fiel vom Tisch hinunter.
„Einmal Amarenacreme!“ Die Bedienung war zurückgekehrt und stellte ein prall gefülltes Glas auf den Tisch. Daneben platzierte sie einen Stapel Becher. Ohne ein weiteres Wort huschte sie zu einem anderen Tisch, um zu kassieren.Amarenacreme im GlasSkeptisch beäugte Marika die drei kleinen Becher, wandte sich dann aber dem Glas mit der Creme zu. Sie hatte Hunger und steckte gierig den Löffel in das Glas.
„Mmmhh“ Ein genüssliches Stöhnen entwich ihr, als der Geschmack sich in ihrem Mund entfaltete.
„Da habe ich ja die richtige Wahl getroffen.“ Lächelnd war die Kellnerin zurückgekehrt und setzte sich einfach auf den freien Stuhl an ihrem Tisch.
Wieder versteifte sich Marika, ihr Blick sah entsetzt zu der blonden Frau, die nun die Becher auseinanderzog und umgedreht auf den Tisch stellte. Ein kurzes Lachen, dann sah sie das Mädchen geheimnisvoll an. „Ich weiß, was du vorhast. Keine Sorge, ich werde dich nicht verraten. Pass auf, ich zeige dir, wie es richtig geht. Ich heiße übrigens Sabrina.“
Marika war nicht in der Lage Sabrina zu antworten, oder ihre Starre zu lösen. Gebannt sah sie, wie die Kellnerin aus ihrer Hosentasche eine kleine gelbe Murmel hervorzauberte und diese unter einem der Becher positionierte. „Sieh zu und lerne, kleines Mädchen!“
Es fiel ihr schwer, dem Weg der Murmel zu folgen. Sabrina war geschickt und schnell. Dann hob sie nacheinander alle Becher an. Die Murmel war verschwunden. Fasziniert umklammerte Marika das Glas und schaufelte sich einen Löffel nach dem anderen in den Mund. Die süße Amarenacreme war nicht nur unheimlich lecker, der Zucker zeigte bereits Wirkung und sie konnte sich auf Sabrina konzentrieren.
„Der Trick ist, dass du die Murmel …“, sie senkte die Hand und das kleine gelbe Ding rollte aus ihrem Ärmel auf den Tisch, „… heimlich versteckst. Sobald der Spieler sich für einen Becher entschieden hast, kannst du sie unter einen anderen rollen lassen. So.“ Dieses Mal vollführte die Kellnerin ihre Bewegungen sehr langsam, damit Marika alles genau verfolgen konnte.
Sabrina hatte große Geduld, ihre Abwesenheit konnte trotz der vielen Gäste durch den schick gekleideten, zweiten Kellner ausgeglichen werden konnte. Zwar warf er den beiden hin und wieder einen Blick zu, doch er sagte nichts.

Fast eine Stunde lang saßen sie an dem Tisch, das Glas mit der Amarenacreme war schon lange restlos leer. Marika ließ sich von Sabrina alles immer und immer wieder zeigen und folgte ihren Anweisungen. Schließlich erhob sich die Kellnerin. „So, ich muss wieder an die Arbeit. Du machst das sehr gut! Du darfst die Becher und die Murmel gerne behalten. Ach so…“ Sabrina nahm ihren kleinen Bestellblock, der in ihrer Schürze steckte und schrieb etwas darauf. Den Zettel reichte sie Marika. „Geh dahin, dort wird man dir helfen können.“ Ein letztes, aufmunterndes Lächeln, und Sabrina ging zielstrebig durch den Wintergarten, zurück zur Backstube.
Die kleinen Finger des Mädchens umschlossen die gelbe Murmel nachdenklich. Dann stapelte sie die Becher und erhob sich. Sabrina hatte nicht nach der Bezahlung für die Amarenacreme gefragt und bevor ihr das auffallen würde, wäre Marika längst über alle Berge.

Draußen, auf der Straße, betrachtete Marika die Notiz in ihrer Hand. Lange Zeit starrte sie auf die fein geschwungenen Buchstaben. Lächelnd faltete sie den Zettel und verstaute ihn in ihrer Hosentasche. Auch wenn sie keinen einzigen Buchstaben davon lesen konnte, würde sie ihn behalten. Genauso wie den zartschmelzenden, süßen Geschmack auf ihrer Zunge.

Das Rezept zur Geschichte:

Zutaten:
100g Amarettini
1 kleines Glas Amarena Kirschen
500g Speisequark Magerstufe
1 Messerspitze geriebene Tonkabohne oder 1 P. Vanillezucker
evtl. etwas Ahornsirup zum Abschmecken
1 Becher Sahne
1 Pck Sahnefest
Schokoraspel

Zubereitung:

1. 
Amarettini in einem Gefrierbeutel grob zerbröseln.
2. 
Mit einem Sparschäler etwas dunkle Schokolade abraspeln
3. 
Den Quark mit Tonkabohne oder Vanillzucker glattrühren. Evtl mit etwas Ahornsirup abschmecken.
4. 
Sahne mit Sahnefest steifschlagen und unter die Quarkcreme heben.
5. 
Einige Kirschen für die Garnierung beiseite legen.
6. 
Abwechselnd Kirschen, Amarettini Brösel und Quarkcreme in Dessertgläser schichten.
7. 
Mit Amarena Kirschen und Schokoröllchen garnieren.
Viel Spaß beim Ausprobieren.

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