Undankbar von Juliane Schiesel

In Gedanken und die Wut zurückhaltend, hielt Mila die Kaffeetasse in der Hand. Mila & Marco war in schwarzen, verschnörkelten Buchstaben auf die weiße Keramik gemalt. Dazu ein paar rote Herzen. Sie liebte diese Tasse, hatte seit Monaten aus keiner anderen getrunken. Sie erinnerte sich noch genau an den Tag, als sie diese machen ließen. Es war auf einem dieser kleinen Dorf-Kräutermärkte gewesen, die man nur durch Zufall entdeckte, weil man sich verfahren hatte. Frühherbst. Die Luft roch würzig, die Sonne strahlte durch die bunten Blätter der Bäume. Kinderlachen, Gespräche an verschiedenen Ständen. Und zwischendrin sie und Marco. Arm in Arm schlenderten sie über den kleinen Marktplatz, teilten sich ein Stück Kuchen und fanden den halb versteckten Stand mit dem Geschirr. Teller, Suppenschüsseln, Bechern, es gab alles, was man sich vorstellen konnte. Handbemalt und jedes einzelne Stück wunderschön. Mittlerweile hatte die Tasse, die sie sich ausgesucht hatten, einen kleinen Sprung und am Henkel war etwas abgeplatzt. Aber so war das mit Dingen, die immer in Gebrauch waren. Sie nutzten sich ab.
Mila drehte sich um, hob den Arm und warf die Tasse zur anderen Seite der Wohnung. „Du bist ein Arschloch! Immer und immer wieder der gleiche Scheiß!“
Marco hechtete zur Seite, als die Tasse an der Natursteinwand zerschellte und in tausend Scherben auf dem Boden landete. War das alles, was von ihrer Beziehung übrig war? Mila spürte, dass die Tränen nah unter der Oberfläche saßen und raus wollten, aber schon wieder vor Marco heulen ging gar nicht. Diese Blöße wollte sie sich nicht geben.

„Ich habe gar nichts gemacht! Du könntest mal ein bisschen dankbarer sein. Schließlich habe ich uns die Wohnung ermöglicht!“
„Ich scheiß auf die Wohnung, Marco! Was soll ich mit einer Wohnung, in der ich nur alleine bin?“ Wütend drehte sich Mila um, griff unter der Spüle den Handfeger und fing an, die Scherben aufzulesen.
„Lass mich das machen“, sagte Marco versöhnlich und hockte sich neben sie. Er griff eine besonders große Scherbe, auf der nur noch & Marco stand. „Es war schön, damals auf dem Markt oder?“ Gedankenverloren drehte er die Scherbe in den Fingern.
„Ja, das war es“, flüsterte Mila, deren Sicht immer mehr verschwamm. Sie blinzelte und wischte sich wütend über die Augen. Nur nicht heulen! „Weißt du, manchmal reicht es nicht, bestimmte Dinge einfach nur zu nutzen, eben weil sie da sind. Man muss sich bewusstmachen, warum man sie braucht und dankbar sein, dass man das Privileg hat, sie überhaupt nutzen zu dürfen.“ Mila legte den Handfeger zur Seite und stand auf. Die Beine kribbelten vom Hocken. „Wir sollten nichts, wirklich rein gar nichts für selbstverständlich nehmen,, denn irgendwann ist es einfach nicht mehr da.“
Mila drehte sich um und ging Richtung Flur. Ihre Tasche stand auf der kleinen Kommode, die sie allein restauriert hatte. Eigentlich hatten sie das gemeinsam machen wollen, aber da war die Phase Ich muss Überstanden machen, sorry Schatz schon aktiv gewesen. Sogar samstags. Handy und Schlüssel landeten in der Tasche, die Jacke ließ Mila hängen. Es war nur ein Katzensprung zu ihrem Lieblingscafé und der Frühling war warm. Zu warm, wenn man den Nachrichten glauben konnte.

„Du willst jetzt aber nicht gehen, oder?“ Marco stand mit dem Handfeger und der Scherbe in der Hand im Flur und sah sie aus seinen nougatbraunen Augen fassungslos an. Dieser Blick hatte Mila am Anfang den Atem genommen, ihr Herz höher schlagen lassen. „Wir sind noch nicht fertig!“
„Doch, das sind wir. Du verlangst von mir Dankbarkeit. Bist du mir dankbar? Ich bin nicht selbstverständlich, Marco. Und ich bin es leid, dir das immer und immer wieder sagen zu müssen.“ Jetzt liefen die Tränen doch über. Mila schluchzte, Marco tat einen Schritt auf sie zu. Sein Blick sprach Entsetzen und Bedauern aus. Er öffnete den Mund, aber Mila schüttelte den Kopf, drehte sich um und stürmte aus der Wohnung. Sie erinnerte sich nur kurz an die Empfehlung der Polizei, die am morgen durch die Nachrichten gegangen war, lieber im eigenen zu Hause zu bleiben, da die aktuellen Zustände immer schlimmer wurden. Viele Geschäfte hatten schon vor Tagen zugemacht. Aber Mila musste jetzt raus. Es gab noch einen Ort, der geöffnet hatte und genau da wollte sie hin.

Das Café Wonderland war ein Traum. Ein Zufluchtsort, an den sich Mila immer gern zurückzog. 
Sie trat aus dem Haus und keuchte, als die Menschenmassen sie mit dem Rücken an die Tür drückten. Mila versuchte, tief durchzuatmen, aber bei der Vielzahl an verschiedenen Gerüchen, die die wogende Menge absonderte, war das unmöglich. Noch immer konnte Mila nicht glauben, dass die Welt derart überbevölkert war. Das Wort Menschenexplosion geisterte seit Wochen durch alle Nachrichten und sozialen Kanäle. Mila stellte sich auf die Zehenspitzen. Wenn sie sich am Rande der Hauswand entlangschob, könnte sie es bis zur Straßenecke schaffen und müsste nur noch abbiegen. Alles kein Problem. Es war nicht nötig, die Straße zu überqueren, denn darauf standen die Autos fast Stoßstange an Stoßstange. Dazwischen schoben sich einige Wohnungslose durch und bettelten an den offenen Scheiben. Einen kurzen Moment starrte Mila eine Frau an, deren zerrissene Kleidung mehr Haut zeigte, als züchtig war. Die verfilzten Haare hingen ihr ins Gesicht, mit zitternden Händen versuchte sie etwas Essen zu erbettelt. Mila wurde klar, was sie tat und sie senkte den Blick. Hatte sie gerade mit Marco über Dankbarkeit gestritten? Über Überstunden und über die Wohnung? Klar, sie merkten auch dass die Lebensmittelpreise in die Höhe geschossen waren, aber diese Frau zwischen den Autos, die wusste, was Dankbarkeit war. Die wusste was es hieß, allein zu sein, zu hungern und nicht zu wissen, ob man den nächsten Tag noch erlebte. Wahrscheinlich würde sie in Tränen ausbrechen, wenn sie so eine Wohnung wie Mila hätte.
Ganz plötzlich kam sich Mila sehr dumm und klein vor, in Anbetracht der Probleme, vor denen die ganze Welt stand. Sie wollte sich umdrehen, mit Marco reden und sich vertragen. Dann fiel ihr ein, wie er ihr am Morgen vorgeworfen hatte, sie sei faul, nur weil die Wäsche noch nicht fertig war.

„Versöhnung am Arsch“, murmelte Mila und holte das Handy aus der Tasche. Sie tippte ihrer besten Freundin einen kurzen Hilferuf und drängte sich dann zwischen die Menschen. Egal, wie viel Probleme die Welt hatte, es gab andere die sich darum kümmerten. Und Mila war es einfach nur leid, Marcos Putzfrau zu sein. Sie wollte Sex, wollte geliebt und ja, sie wollte nicht als selbstverständlich angesehen werden.
Der Kampf durch die Menschen entpuppte sich als schwieriger als gedacht. Entweder liefen sie stur geradeaus, ohne Rücksicht auf ihre Umgeben zu nehmen und Mila kam einfach nicht an der Schlange von Menschen vorbei. Oder aber sie wurde von den Helfenden Händen angequatscht. Selbsternannte Wohltäter, die irgendwas für die Wohnungslosen taten. Wahrscheinlich einfach eine neue Sekte. Warum sie gerade Mila ansprachen, war ihr schleierhaft. Noch hatte sie schließlich eine Wohnung! Die Kleidung der Helfenden Hände war etwas, das surreal anmutete, zwischen Schweiß, Gestank und überschwappender Hoffnungslosigkeit. Die weiße Baumwollkleidung erkannte jeder schon von Weitem und die stilisierten Hände, wie zur Hilfe ausgestreckt, auf dem Rücken aufgedruckt, waren ein einprägsames Erkennungsmerkmal.
Endlich bog Mila an der Straßenecke ab und sah das Schild des Café Wonderland. Nur noch ein bisschen drängeln und schubsen, dann hatte sie es endlich geschafft. Sobald Mila die Tür hinter sich zugezogen hatte, drangen die Geräusche etwas leiser herein und erst jetzt wurde ihr bewusst, wie laut es draußen war. Mila schloss kurz die Augen und atmete tief den Geruch ein, den das Wonderland verströmte. Es war eine Mischung aus frischem Kuchen, aufgebrühtem Tee, Gemütlichkeit und Heimat. Etwas, dass man heutzutage kaum noch fand. Nach einem letzten tiefen Atemzug steuerte Mila zielgerichtet den Wintergarten an, das Herzstück des Cafés und der gemütlichste Platz auf der ganzen Welt. Sie ließ die Glasvitrinen unbeachtet, auch wenn noch immer selbstgemachte Marmelade darinstand. Das mauvefarbene, mit Samt bezogene Sofa war ein grandioser Platz, der aber leider immer belegt war. Genau wie jetzt. Am Anfang hatte Mila sich sehr darüber geärgert, immer zu spät zukommen, aber seitdem sie und Rebecca im Wintergarten saßen und festgestellt hatten, dass das Geräusch des Regens auf dem Glas eine überaus beruhigende Wirkung hatte, war es ihr egal, ob jemand auf dem Sofa saß. Auch wenn sie nur zu gern gewusst hätte, ob es wirklich so weich war, wie es aussah.
Im Wintergarten war es düsterer als sonst. Mila blickte nach oben und sah, dass das Glas von außen mit einer Plane abgedeckt war. Seltsam, wunderte sie sich. Auf den weiß lackierten Holztischen flackerten Windlichter und verströmten dennoch eine heimelige Atmosphäre.

Am hintersten Tisch ließ Mila sich nieder und sah auf ihr Telefon. Keine Antwort von Rebecca. Sie hatte die Nachricht nicht mal gelesen. Stirnrunzelnd wählte sie und hielt sich das Gerät ans Ohr, aber es erklang kein Freizeichen. Das war noch seltsamer als die Plane.
„Willst du was bestellen?“ Sabrina, ihre Stammbedienung sah sie erwartungsvoll an. Sie klopfte mit einem Bleistift auf ihren Block und hatte die Lippen leicht zusammengepresst.
„Was soll die Plane?“, fragte Mila.
„Glasschutz. Iwan denkt, die Wohnungslosen könnten vom Dach auf den Wintergarten springen.“ Sie beugte sich etwas vor. „Als ob ne Plane da helfen würde. Also, was willst du?“
Sabrina war ehrlich wie eh und je und Mila freute sich, über das Stückchen Normalität. Am Anfang hatte Mila sich sehr unwohl in Sabrinas Nähe gefühlt, denn ihre Ehrlichkeit war hart an der Grenze zur Unfreundlichkeit, aber sie trug ihr Herz am rechten Fleck. Ihre kurzen, blonden Haare waren wie immer perfekt frisiert. Das Licht der Kerzen ließ ihr Nasenpiercing glänzen.
„Bring mir einen großen Karamell Latte mit extra Sahne und dazu eine Portion Mousse Gugls. Nein, bring zwei Latte, Rebecca kommt auch noch.“

Mousse Gugls
Sabrina notierte alles und nickte ihr zu, bevor sie ein finsteres Gesicht aufsetzte, als sie an ihrem Kollegen Iwan vorbei ging und den Wintergarten verließ. Er zwinkerte ihr frech zu und genau dieses Zwinkern in Verbindung mit dem frechen Grinsen sorgte immer dafür, dass sein Trinkgeldglas schneller voll wurde als ihres. Mila lächelte ihn an und versuchte erneut, Rebecca anzurufen. Diesmal klingelte es, scheinbar sofort hob Rebecca ab. „Mila… hö…. mich? Ich… me….land….ja?“
„Rebecca? Was? Hallo?“ Mila hielt das Telefon vom Ohr, ein pfeifen drang aus dem Gerät und fraß sich in ihre Gehörgänge. „So eine Scheiße!“ Wenn sie das Gestammel ihrer Freundin richtig verstanden hatte, dann war sie auf dem Weg hierher. Mila versuchte, noch ein paar andere Anrufe, aber mittlerweile tat sich nichts mehr. Auch die Internet-App reagierte nur mit einer sich drehenden Sanduhr. Genervt schaltete sie das Handy ganz aus und warf es in die Tasche. Sollte Marco doch verrückt werden vor Angst! Viel wahrscheinlicher war, dass er genau wusste, wo Mila sich aufhielt, schließlich hatten sie sich hier kennengelernt. Sich das erste Mal geküsst. Sich das erste Mal ihre Liebe gestanden. Tja, und dennoch liebte Mila das Wonderland. Sie hätte zu jedem dieser Holztische eine Geschichte erzählen können. Bis jetzt waren es immer nur schöne gewesen. Jetzt würde wohl noch eine traurige hinzukommen.
„Die Karamell Latte mit extra Sahne. Mousse Gugls folgen.“ Sabrina stellte die Getränke auf den Tisch und verschwand wieder. Mila saß allein im Wintergarten, lauschte dem Geräusch der Plane, durch die der Wind fuhr und fühlte in sich hinein. Sie liebte Marco, ohne Frage. Aber sie wusste nicht, wie sie mit seiner Veränderung klarkommen sollte. Das war nicht mehr der Mann, den sie kennengelernt hatte. Mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte.

„Einmal Mousse Gugls. Kommt deine Freundin noch oder ist das alles für dich?“ Sabrina stemmte die Hände in die Hüften und sah Mila an. „Dann nehme ich die Hälfte wieder mit.“
„Bin doch schon da, Meckerziege!“ Rebecca drückte Sabrina einen Kuss auf die Wange und ließ sich auf den Stuhl fallen. „Leute, da draußen drehen alle durch. Es war kaum ein Durchkommen auf den Straßen. Mein Auto steht fünf Querstraßen weiter in einer Sackgasse.“ Sie griff ihren Kaffee und nahm einen Schluck. Sabrina schüttelte den Kopf und verließ denn Wintergarten.
„Kaum was los hier?“ Rebecca sah sich um. Ihre braunen Locken wippten im Takt ihrer Kopfbewegung, wirkten aber stumpf und sahen fettig aus. „Wo sind alle?“ Fragend drehte sie sich zu Mila um.
Sie zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich bin froh, ohne Probleme hergekommen zu sein. Es war auf dem Fußweg kaum möglich, geradeaus zu laufen. Was ist mit deinen Haaren?“
Rebecca winkte ab. „Das Wasser im Haus geht nicht. Oder es geht nur dann, wenn ich nicht da bin. Strom spinnt auch rum. Bei euch alles okay?“
„Wenn du Wasser und Strom meinst, dann ja. Bis vor zwanzig Minuten war alles perfekt. Wenn du duschen willst, komm nachher einfach mit.“ Mila griff sich den Karamell Latte und schlürfte einen großen Schluck. Das Karamell schmeckte hervorragend und die Sahne rundete das Geschmackserlebnis ab.

Rebecca hatte die Augen zusammengekniffen und beobachtete sie. „Und sonst so?“
„Ehrlich. Ich brauche erst Kuchen, bevor ich dir das erzählen kann.“
Offensichtlich konnte ihre Freundin damit leben, denn zeitgleich griffen sie zu einem Mousse Gugl. Mini Guglhupf aus Haselnüssen, Eiweiß und Schokolade. Gefüllt mit einer leichten Zitronencreme. Mila hatte das Rezept schon tausendmal daheim ausprobiert, aber noch nie war sie an diesen Geschmack herangekommen. Sie schob sich einen der Gugl in den Mund und schloss die Augen. Zuerst war da nur Schokolade. Das reine Glücksgefühl von Schokolade, dass sich auf ihre Zunge legte. Die Mischung mit dem aufgeschlagenen Eiweiß machte den kleinen Kuchen so weich und zart. Bevor die Schokolade die Oberhand gewinnen konnte, breitete sich der leicht säuerliche Geschmack der Zitronencreme aus. Die beiden Geschmacksrichtungen vermischten sich, spielten miteinander und wurden so zu etwas ganz Einzigartigem. Mila liebte die Mousse Gugl des Wonderlands und würde töten, um sie essen zu dürfen!
„So“, Rebecca trank ihren Kaffee aus und wischte sich die Hände an einer Serviette ab. „Der Kuchen ist alle, der Kaffee auch. Jetzt erzähl.“
Mila holte tief Luft und erzählte von dem erneuten Streit mit Marco. Sie beschönigte nichts, ließ nichts aus. Auch ihre eigenen Fehler nicht, denn Mila war klar, dass zu einem Streit immer zwei gehörten. „Und jetzt sitze ich hier, fresse mich mit Kuchen voll und weiß auch nicht.“

Rebecca orderte bei Sabrina noch zwei Kaffee, dann legte sie die Arme auf dem Tisch ab. „Ihr streitet in letzter Zeit häufiger oder?“
Warum lügen? „Ja. Zu viel. Viel zu viel. Aber was soll ich machen? Ein Wort führt zum nächsten und dann bringen wir uns gegenseitig auf die Palme. Er verlangt mehr Dankbarkeit von mir und ich werfe ihm Undankbarkeit vor!“ Mila fasste sich an die Stirn und schüttelte den Kopf. „Wir streiten wegen etwas, dass wir uns gegenseitig vorwerfen. Das ist total absurd!“
„Ja, das ist es. Was willst du jetzt machen?“
Mila wartete mit ihrer Antwort, bis Sabrina den Wintergarten verlassen hatte. Sie ließ die Zwischentür auf, sodass einige, gedämpfte Geräusche bis zu ihnen vordrangen. Laute Rufe, Hupen und eine Sirene.
„Was ist da los?“, fragte Mila und stand auf. Gemeinsam mit Rebecca ging sie in den Vorraum. Auf dem Sofa saßen noch immer zwei junge Frauen, die auf ein Tablet starrten. Anscheinend ging bei denen das Internet. Iwan und Sabrina standen am Schaufenster und blickten raus.
„Was ist da los?“ wiederholte Mila ihre Frage.
Sabrina zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Die Menschen drängen gegen die Hauswand, auf den Straßen fahren Polizeiautos rum und machen Durchsagen. Ich befürchte, wenn wir die Tür öffnen, fallen die Menschen einfach in den Laden.“
Jetzt sah Mila, dass innen ein Riegel an der Tür angebracht war. Er war zugeschoben, sah aber nicht wirklich sicher aus.
„So Freunde. Das wars für mich. Ich bin raus!“ Ohne weitere Erklärung, riss Iwan sich die Schürze von der Hüfte, warf sie Sabrina zu und entriegelte die Tür. Die Geräuschwelle bahnte sich einen Weg durch den Raum und Mila wich automatisch einen Schritt zurück.
„Lasst euch von uns helfen“, rief plötzlich ein Mann. Er trug die Kleidung der Helfenden Hände und warf Flyer in den Raum. „Die Welt geht unter, und ihr auch! Nur der Verkünder kann euch noch retten!“ Er kam auf Mila zu und packte sie an den Schultern. „Komm jetzt mit mir und du wirst gerettet!“ Während er sprach, folgen kleine Speicheltropfen durch die Luft und trafen Milas Haut. Sie schauderte, konnte sich aber aus seinem Griff nicht winden.

„Lass mich los!“ Sie trat ihn gegen das Schienbein, aber er schüttelte sie nur noch mehr.
Sein Griff wurde schmerzhaft, an seinem Hals schwollen Adern an. „Niemand kann überleben ohne die Weisheit des Verkünders!“ Der Kerl machte Anstalten, Mila aus dem Café zu ziehen. Sie stemmte sich gegen ihn, aber er war stärker. Hilflos sah sie zu Rebecca, die mit Sabrina und den zwei Mädels versuchte, die Tür zu schließen. Von außen drückten die Rücken der Menschen dagegen.
Plötzlich presste sich ein Mann durch die Menge, stolperte in das Café und blieb auf allen vieren auf dem Boden liegen. Er atmete schwer und keuchte hörbar. „So eine verdammte Scheiße, ey!“
„Marco!“, presste Mila hervor. Der fremde Mann drückte sie mittlerweile gegen die Wand und lamentierte über den Verkünder und das Seelenheil seiner Gefolgschaft. Schwarze Punkte tanzten an Milas Sichtfeld. Ihr Atem ging schwer und ihr wurde schwindelig.
Bevor sie die Augen schloss, sah sie, wie eines der Marmeladengläser auf dem Kopf des Mannes zerschellte. Er blickte sie erstaunt an und sackte in sich zusammen. Marco schnappte sich die Schürze, band sie um die Hände des Mannes und griff unter die Arme. „Mila, die Beine! Mädels, geht weg von der Tür. Der Freak muss hier raus!“
Gemeinsam schafften sie es, den Mann irgendwie vor die Tür zu schieben. Bevor sie die Tür schließen konnten, huschten die zwei jungen Mädels raus und verschwanden zwischen einem Pulk aus Armen, Beinen, Köpfen und Körpern. Niemand versuchte, die beiden zurückzuhalten. Zu viert drückten sie die Tür hinter ihnen zu und schoben den Riegel vor. Sabrina zog die Vorhänge vor dem Schaufenster zu. Marco rückte das Sofa vor den Eingang. Dann ließ er sich schwer atmend und schwitzend darauf nieder.
„Was machst du hier?“
„Die Welt geht unter und das einzige, was dich interessiert, ist, was ich hier mache?“ Er schüttelte mit dem Kopf und presste die Lippen aufeinander, während er unentwegt Mila in die Augen sah. „Auch wenn wir uns streiten, will ich nicht, dass du hier draußen verreckst!“

„Es ist Wahnsinn. Ich dachte, die im Fernsehen spinnen. Die Nachrichtentante sagte plötzlich etwas von Rationierung von Wasser und Strom. Von Verstaatlichung und Essensstationen, die von den Helfenden Händen koordiniert werden. Außerdem…“ Marco warf Mila einen Blick zu und schluckte.
„Würdest du uns bitte einfach alles sagen? Du brauchst keine Rücksicht auf deine Freundin nehmen, sie ist nicht so zart besaitet wie du denkst!“ Sabrina schlug auf den Tisch und Marco zuckte zusammen.
Er holte tief Luft. „Anscheinend waren einige kranke Menschen im alten Krankhaus untergebracht.“
„Das Krankenhaus steht seit Jahren leer. Da war keiner drin!“ Rebecca lief im Wintergarten auf und ab. Sie hatten sich dahin zurückgezogen. Die Menschen vor dem Café waren lauter geworden. Mehr geworden. Der Wahnsinn, der draußen ablief, hatte sich seit Wochen abzeichnet, dass es nun aber so schnell ging und alle durchdrehten, damit hatte niemand gerechnet. Jedenfalls nicht Mila. Sie hoffte, dass es sich draußen noch beruhigte, dass es nur eine Welle war und die Behörden alles in den Griff bekamen.
„Tja. Das haben sie gesagt. Aber anscheinend waren dort Menschen drin, die unter Quarantäne standen. Mit irgendwelchen Krankheiten. Das Krankhaus war überfüllt.“
„So eine Scheiße!“ Sabrina fuhr sich mit den Händen durch ihre kurzen Haare und verschwand fluchend nach vorn.

Mila ließ sich sprachlos auf einen der Stühle sinken. Marco hatte seine Ellenbogen auf den Knien abgestützt und die Hände um den Kopf gelegt. Er atmete kontrolliert ein und aus um sich zu beruhigen. Dabei zählte er leise bis zehn. Nur deswegen wusste Mila, dass alles was er sagte wahr war. Wenn ihn etwas dazu brachte, seine Atemtechnik auszupacken, dann war es wirklich schlimm.
Was sollten sie jetzt tun? Hier bleiben? Nach Hause gehen? Rennen? Flüchten? Ein Durchkommen mit dem Auto war schon ewig nicht mehr möglich, das konnten sie vergessen. „Was machen wir jetzt? Haben die in den Nachrichten was gesagt?“ Mila drehte sich zu Marco um und wartete auf eine Antwort. Auch Rebecca unterbrach ihren Lauf und starrte ihn an.
Marco sah auf und blickte Mila direkt in die Augen. Auch ohne was zu sagen, wusste sie, was dieser Blick hieß. Dann schüttelte er den Kopf. „Bevor die Empfehlungen kamen, schaltete sich der Fernseher ab.“
„Wie sieht es im Rest der Welt aus?“, fragte Rebecca.
Marco zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Genauso beschissen? Guckst du nie Nachrichten?“ Er stand auf und fuhr sich mit den Händen durch die Haare, die schon ganz wild vom Kopf abstanden. „Wir sollten in die Wohnung gehen.“ Er sah Mila an. „Erstmal.“
Sie nickte. „Du kommst mit uns!“ Dabei sah sie Rebecca an, deren Blick nach innen gerichtet schien. Mila packte ihre Freundin einfach am Arm und zog sie hinter sich her.
„Ich mach die Fliege, nur das ihr Bescheid wisst“, Sabrina stand an der Tür, drehte sich um und warf Marco einen dicken Schlüsselbund zu. „Der letzte muss abschließen.“
„Wir gehen auch.“ Gemeinsam rückten sie das Sofa wieder weg, dann schon Sabrina den Riegel zur Seite. Alle atmeten tief durch, dann öffnete Marco die Tür.

„Oh mein Gott!“ Sie hatten sich bis an den Straßenrand vorgekämpft. Weiter kamen sie nicht. Weiter würde nie wieder irgendjemand kommen, wenn die Straße quoll über vor Menschen. Dreckige, kranke Menschen. Sie husteten, spuckten Schleim und machten sich dort, wo sie standen in die Hose. Mila sah, wie eine Frau einfach zusammenbrach und liegen blieb. Die Kranken kamen den gesunden Menschen nahe, zupften an der Kleidung, bettelten und spuckten sie an, wenn sie nichts bekamen.
„Wir müssen sofort zurück!“
Marco packte ihren Arm. „Lass mich jetzt nicht los, verstanden?“ Hart drückte er ihr einen Kuss auf die Lippen, dann schob er sich mit der Schulter zuerst durch die Menschen Richtung Wonderland.
„Nein!“ Mila schrie auf, als Rebeccas Hand aus ihrer rutschte, aber Marco schob sich unerbittlich weiter. Er stoppte erst, als sie im Wonderland waren und er sich mit dem Rücken an die geschlossene Tür lehnen konnte. Er schloss die Augen und atmete tief ein und aus.
„Wir müssen wieder raus!“ Mila versuchte sich an ihm vorbei zu schieben.
„Einen Scheiß müssen wir“, sagte Marco und schloss die Tür ab. Der Schlüsselbund verschwand in seiner Hosentasche. „Wenn wir da raus gehen, sterben wir. Da bin ich mir sicher.“
„Aber Rebecca ist da draußen! Ich muss sie holen!“ Entgeistert blickte Mila ihren Freund an. Er konnte unmöglich von ihr verlangen, dass sie ihre beste Freundin da draußen allein ließ.

„Weißt du genau, wo du sie finden wirst? Ich irre nicht mir dir durch diesen stinkenden Wald aus Körpern und Viren und fange mir sonst eine Krankheit ein. Oder werde von einem dieser Irren erschlagen nur weil er mein Hemd will.“
Mila drehte sich um und blickte aus der Tür auf den Weg. Zwischen die Menschen, die sonst auch hier lang strömten hatten sie noch mehr Wohnungslose gemischt. Dazwischen die Helfenden Hände. Es war ein einziges Schieben und Drängeln, ein Tatschten und Grabschen. Sie sah, wie Hände andere Körper berührten. Wie dreckige Finger sich in saubere Haut krallten. Wie Speichel durch die Luft flog. Eine Träne lief ihr über die Wange. „Ich kann sie doch nicht alleine lassen.“
„Rebecca ist eine starke Frau. Sie weiß, was sie jetzt machen muss. Wahrscheinlich rennt sie zu ihrem Auto. Oder gleich nach Hause. Wenn es ruhiger geworden ist, suchen wir sie, okay? Aber jetzt haben wir keine Chance!“
Ergeben nickte Mila. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper und starrte weiterhin raus. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Was war das den für ein Tag? Sie hatte sich mit Marco gestritten und wollte nur mit ihrer Freundin darüber reden. Dazu einen Kaffee und Kuchen, damit es ihr am Ende des Tages wieder gut ging und jetzt brach alles auseinander. Eine gebrochene Welt, ihre und die gesamte Erde. Es war zum Kotzen und Mila hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun sollte. Sie musste sich auf Marco verlassen, ob sie es wollte oder nicht, denn er war hier. Wegen ihr. Als die Tränen stärker flossen, spürte sie, wie Marco einen Arm um ihre Schultern legte und sie an sich zog. Mila barg ihr Gesicht in seiner Halsbeuge. Er roch nach Schweiß, nach Dreck und auch nach sich selbst. Nach zu Hause und Sicherheit. Sanft strich er ihr über den Rücken, während Mila die Tränen einfach laufen ließ.

„Wir schaffen das hier schon irgendwie. Wir kommen nach Hause und dann finden wir raus, ob wir irgendwo hingehen können.“
Mila nickte und ließ sich von Marcos Stimme beruhigen. Er wusste schon immer, wie er zu ihr durchdringen konnte.
„Es tut mir leid wegen vorhin. Ich weiß… Natürlich weiß ich, dass du die Wohnung sauber hältst und das sich meine dreckige Wäsche nicht von alleine wäscht. Es war so viel in letzter Zeit, mir sind die Sicherungen durchgebrannt.“ Marco schluckte hörbar.
„Mir tut es auch leid. Ich weiß, dass die Wohnung teuer ist. Nur manchmal komme ich mir einfach vor wie deine Scheißputzfrau und nicht wie deine Freundin.“ Mila blickte auf und sah in Marcos Augen. In ihnen sah sie eindeutig, dass er sie nicht als Putzfrau sah.
Langsam senkten sich seine Lippen auf ihre. Auch der Kuss war eindeutig für seine Freundin bestimmt. Vielleicht war es nicht der perfekte Zeitpunkt dafür, aber die Welt brach gerade auseinander. Wenn sie Pech hatten, war das überhaupt der letzte Zeitpunkt für einen Kuss.

Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Nacht im Wonderland zu verbringen. Am nächsten Morgen war Mila sich sicher, nicht eine Sekunde lang geschlafen zu haben, denn die Geräusche, die unablässig hereindrangen, raubten ihr den letzten Nerv. Ein stetes Klopfen und Jammern. Erst im Morgengrauen wurde es stiller.
„Mila, bist du wach?“, flüsterte Marco. Stoff raschelte, ein Stuhl quietsche über den Boden. Er stellte sich an die Tür und blickte heraus.
„Ja“, erwiderte sie und erhob sich ebenfalls. Mit einem Stöhnen drückte sie sich die Hände in den Rücken und streckte sich. Das Sofa war so weich, wie es aussah, leider zum Schlafen völlig ungeeignet. „Wie sieht es aus?“
„Gut. Die Menschen sind weniger geworden. Ich denke, wir sollten es jetzt wagen und nach Hause gehen. Dann können wir überlegen, wie es weitergeht.“ Marco hob die Hand und strich ihr langsam einige Strähnen aus dem Gesicht. „Du bist wunderschön, wenn du gerade aufgewacht bist, weißt du das?“
Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Kurz kam ihr der Streit ins Gedächtnis und nun fand sie ihn nur noch lächerlich.
„Marco, es tut mir wirklich leid. Ich bin dankbar dafür, dass wir uns haben.“
Er nickte und zog sie in seine Arme. „Ich auch. Ich liebe dich. Und jetzt gehen wir da raus und schlagen uns durch, wortwörtlich, wenn es sein muss. Komme was wolle, wir trennen uns nicht!“
Er wartete Milas Zustimmung ab und öffnete erst danach die Tür. Zögernd traten sie auf den Fußweg und schlugen ohne zurückzublicken den Weg in die Wohnung ein.
Um sie herum erwachten nach und nach die Menschen, die dort eingeschlafen waren wo sie saßen. Sie waren müde, kaputt, verletzt und krank. Dennoch hatte jeder einen Grund um dankbar zu sein. Und war es nur die Tatsache, dass sich ein kleiner Sonnenstrahl in eine Pfütze verirrt hatte und sie zum Glitzern brachte.

Auf dem Foto seht ihr einen der 12 Mini Mousse Gugls, die ich für Julianes Geschichte gebacken habe. Die Rosen hat meine Mutter aus ihrem Garten spendiert. Sie sind nicht perfekt und voller Dornen, doch sie duften köstlich und ergänzen den leckeren Duft nach Schokolade, Nüssen und Vanille, der den luftigen Küchlein entsteigt.

Zutaten
155 g Butter
1 Tasse Kokoszucker
1 Prise Salz
155 g dunkle Kuvertüre
5 Eier
1 Tasse gemahlene Mandeln
1 Tasse gemahlene Haselnüsse
(1 Tasse = 150 ml)

Für das Topping
150 g Butter
75 g Staubzucker
1 Prise Salz
1 Messerspitze Tonka Bohne
75 g zimmerwarmer Frischkäse

Zubereitung:
Butter, Zucker und 1 Prise Salz bei milder Hitze in einem kleinen Töpfchen schmelzen. Kuvertüre in grobe Stücke brechen, dazugeben und sanft schmelzen lassen.
Eier trennen und das Eiweiß steif schlagen. Eigelbe unter die Schokomasse rühren. Dann die gemahlenen Mandeln und Haselnüsse unterrühren. Zum Schluss den Eischnee locker unter die Schokonussmasse heben und gut verrühren.
Masse in die gefetteten Guglhupfmulden füllen und im vorgeheizten Backofen bei 180 °C  ca. 15 Minuten backen. Aus dem Ofen nehmen, abkühlen lassen und stürzen.

Das Topping:

Butter, Staubzucker, Salz, Tonkabohne gut cremig aufschlagen. Den Frischkäse vorsichtig unterheben, Küchlen verzieren.

Statt Kokoszucker könnt Ihr natürlich auch normalen Zucker nehmen und anstelle der Tonkabohne geht auch Vanille (eine halbe Schote auskratzen).

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